Herbstputz im Heiligtum

Die Gedankenreise in die dunkle Jahreszeit beginnt heute an einem ruhigen Ort und klingt ein wenig nach Pflege und Gartenarbeit, ist aber viel mehr als das. Die Verbundenheit mit dem Ort, wenn der Herbst einkehrt, ist ein tiefes Stimmungsbild zwischen Vergänglichkeit und Beständigkeit.

Herbstputz im Heiligtum

Heute war ein guter Tag, um das Heiligtum auf den Winter vorzubereiten. Zwischen peitschenden  Regenschauern und Sturmböen gab das Herbstlicht den Blick frei auf die offene Fläche des Heiligtums. Die Bäume, das herabgefallene Laub und die moos- und efeubewachsenen Steine erzählen die Geschichte des Jahres.

Der Herbst ist in das Heiligtum eingekehrt und das Idol der Nerthus befindet sich längst im Schutz der Erde. Die Bäume lassen ihr Laub fallen, der Wind trägt die letzten Farben des Sommers über den moosbewachsenen Boden, und unter den Ästen sammelt sich, was der Jahreskreis hervorgebracht hat. Mit dem Herbstputz erweise ich dem Ort jene Achtung, die dem vertrauten Ort innewohnt.

Nicht jede Opfergabe muss aus einem Gegenstand bestehen. Auch die Zeit, Mühe und Aufmerksamkeit sind kostbare Gaben – und mit dem Harken, Schneiden und Ordnen stellt sich Schritt um Schritt die Ruhe des nahenden Winters ein.

Mit dem Gedanken „Fülle und Mangel“ aus meinem vorhergehenden Beitrag denke ich an Jera – das Jahr: Was gewachsen ist, kehrt in den Boden zurück. Auch die Arbeiten werden abgeschlossen, ohne dass der Kreislauf endet. Doch was ist gewachsen? Was ist zu Ende gegangen? Und was soll durch den Winter getragen werden?

Über mir die Bäume, unter mir die Erde. Blatt um Blatt fällt zur Erde. Und was im Sommer grün war, wird nun vergehen. Doch nichts davon ist vergeblich. Ich richte den Platz her und entferne, was den Weg versperrt und lasse zurück, was zur Erde gehört. Über mir die Bäume, unter mir die Erde. Ihre Zweige bewegen sich im Wind des späten Oktobers. Sie fragen nicht was wir erreicht haben. Der Winter naht und Skadi kommt, ohne dass wir sie rufen müssen.

Der Herbstputz ist nicht die Beseitigung des Verfalls, sondern die bewusste Vorbereitung auf die dunkle Jahreszeit. Das Laub fällt , die Tage schwinden – doch Jera dreht ihr Rad. Das was wuchs, sei geehrt. Was verging, sei frei. Was wahr ist, werde bewahrt. Der Winter kommt, doch Jera kehrt wieder.

Jera am gefrorenen Fenster

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