In diesem Beitrag schreibe ich über die Disen, Alfen und Landwichte und schneide einerseits an, in welchem Verhältnis sie zueinander stehen, um andererseits aber auch ihre winterlichen Aspekte in den Vordergrund zu heben. Wichtig ist mir dabei vor allem auch ihr Einflussbereich, der aus meiner Sicht unmittelbar mit dem persönlichen Verständnis zusammenhängt, was sich in der Praxis zum Beispiel durch Opfergaben oder ähnliches ausdrückt.
Da es sich um einen einfach gehaltenen Blogbeitrag mit persönlichen Bildern, sprachlichen Eindrücken und Interpretationen handelt, werde ich auf die vielschichtigen und durchaus komplexen Zusammenhänge nicht tiefer eingehen können. Interessante Einblicke bietet auch das Buch „Dänisches Heidentum“ von Gudmund Schütte, das 2006 in Zusammenarbeit mit Kurt Oertel im damaligen Verlag Daniel Junker als Reprint erschienen ist. Da es meines Wissens inzwischen nicht mehr herausgebracht wird, kann man es nur noch gebraucht in den bekannten Online-Versänden beziehen. Dort scheinen aber noch gute Exemplare erhältlich zu sein. Das etwa 150-seitige Büchlein ist eine Lektüre allemal wert, weil es eben nicht nur speziell um Dänisches Heidentum geht, sondern viele interessante Einblicke in die sogenannte „niedere Mythologie“ und den Volksglauben/die Folklore gibt. Damit sind wir wieder bei den Disen, Alfen und Landwichten angekommen, um die es hier in Teil 1 des Beitrags geht. In Teil 2 gehe ich dann noch mal genauer auf das Buch in Bezug auf die genannten Wesen ein. Viel Freude beim Lesen. Und gerne die Kommentarfunktion unter dem Beitrag nutzen, wenn es Anmerkungen, eigene Details oder Ergänzungen gibt.

Das verborgene Volk
In der nordischen Mythologie und dem Volksglauben sind die Grenzen zwischen den verschiedenen Wesen oft fließend. Es gibt keine ganz klaren Abgrenzungen, wie man es häufig aus moderner Fantasy-Literatur kennt. Stattdessen überschneiden sich die Rollen der Disen, Landwichte und Alfen häufig. Die Disen werden als die ehrwürdigen Ahninnen und weiblichen Schutzmächte gesehen, während die Landwichte an bestimmte Orte gebunden (geschlechtsneutrale Ortsgeister) sind (Felsen, Felder, Landstriche) und das Wohlergehen dieser Orte fördern. Die Alfen (Álfar, eher männlich oder geschlechtsneutral), die sich in Lichtalfen (Ljósálfar) und Schwarzalfen (Dökkálfar oder Svartálfar) unterteilen, haben eine starke Verbindung zur Fruchtbarkeit: Der Gott Freyr ist der Herr von Álfheimr. In der Edda werden sie an einigen Stellen in einem Atemzug mit den Asen genannt. Oft verschmelzen die Begriffe: Ein verstorbener Vorfahre könnte als Alf in seinem Grabhügel weiterleben, dort als Landwicht den Hof schützen und gleichzeitig von den weiblichen Disen der Familie begleitet werden.

Nach der Wintersonnenwende hält der tiefe Winter Einzug und die Landschaft verändert sich spürbar. Alles liegt still unter Rauhreif und Nebel, während eisiger Wind über die Felder streicht. Schnee und Eis bedecken Hof und Garten, der Wald steht im Winterkleid. Es ist die besondere Zeit der Disen, Alfen und Landwichte, für die jetzt eine ruhigere, aber nicht weniger wichtige Zeit beginnt: Mit der Flamme der Wintersonnenwende und dem Julfest wurde das Jahresrad neu entfacht. Während die Natur Kraft sammelt und Nerthus im Innern verweilt, zeigt sich in der klaren Kälte wie eng unser eigener Lebenskreis mit der Umgebung, dem eigenen Hof, Garten und der Landschaft ringsum verbunden ist. Das wirft einen Blick darauf, wie man das Wirken der Wesen erlebt und warum gerade die Wintermonate entscheidend für das werdende Jahr sind.
Die Disen (Dísir)
Die Disen, jene geheimnisvollen weiblichen Wesen, die eng mit dem Schicksal, dem Schutz der Familie und dem Kreislauf von Leben und Tod verbunden sind, wandeln ihre Rolle sobald der Winter hereinbricht von den Segen spendenden Fruchtbarkeitskräften des Sommers zu den Hüterinnen in der Winterzeit. Während draußen die Frostriesen das Land beherrschen, tritt ihr Schutzcharakter hervor; sie wachen über die Schwelle des Hauses und sorgen in Verbindung zu den Ahnen dafür, dass das Licht der Sippe trotz der Kälte stark bleibt. Sie wachen über das Glück einer Familie und werden dafür im sogenannten Dísablót bedacht. Sie schlagen die Brücke zu den Generationen, die vor uns durch den Schnee gingen.

Die Alfen (Álfar)
Die Alfen, die sich in Lichtalfen (Ljósálfar) und Schwarzalfen (Dökkálfar oder Svartálfar) unterteilen, sind im heidnischen Verständnis eng mit der Natur, dem Licht und dem Boden verbunden. Die Vorstellungen gehen in die Richtung, dass die strahlenden Lichtalfen in Alfheim im Bereich des Gottes Freyr leben, während sich die Schwarzalben im Inneren von Felsen und Erdhügeln aufhalten. Interessant ist, dass es genau wie für die Disen auch für die Alfen ein spezielles Opferfest gab, das Álfablót. Es fand gen Herbst oder Winter statt und war deutlich privater und mysteriöser als das familiäre Julfest. Zum Álfablót hatten Fremde keinen Zutritt. Es wird wohl im kleinsten Kreise auf den Höfen stattgefunden haben und wurde von der Hausfrau geleitet. Viel mehr ist kaum bekannt und die Privatheit ist wahrscheinlich auch der Grund, warum darüber nichts weiter dokumentiert ist. Was aber zumindest bekannt ist, dass ihre Kernfunktion im Winter darin liegt die Fruchtbarkeit des Bodens unter dem Frost zu bewahren. Wer sie durch Opfer (meist Met oder Brei) ehrt, sichert sich ihren Segen, damit das Vieh den Winter überlebt und die Saat im Frühjahr wieder aufgeht. Ein weiterer interessanter Aspekt ist übrigens auch, dass manche Alfen ein Teil des Gefolges von Odin auf seiner Wilden Jagd sind. Hier zeigen sie ihre unheimliche Seite: Sie sind nicht mehr die friedlichen Naturgeister, sondern werden zu schemenhaften Reitern, die durch die Sturmnächte fegen. Wer sie draußen trifft, riskiert „elfengetroffen“ (krank oder verwirrt) zu werden. In den heutigen folkloristischen Vorstellungen sind allerdings fast nur noch die guten Seiten hängengeblieben von den kleinen Helfern im Winter (Wichtel, Nisse, Hausgeist), die aber direkt auf die nordischen Alfen zurückgehen: Der Alf wurde zum Tomte oder Nisse, einem kleinen Wesen mit Mütze, das im Stall lebt. Die Schüssel Milchreis, die man heute noch in Skandinavien zu Weihnachten vor die Tür stellt, ist wahrscheinlich ein Überbleibsel des damaligen Álfablót.

Die Landwichte (Landvættir)
Wer im direkten Umfeld wirkt, das sind die Landwichte – altnordisch Landvættir (Landgeister). In der nordischen Mythologie sind sie die Schutzgeister des Landes, welche an bestimmte Orte beziehungsweise direkt an die physische Landschaft gebunden sind – an Felsen, Flüsse, Berge oder bestimmte Landstriche und das Wohlergehen dieser Orte beeinflussen (Schutzwesen von Feldern, Wäldern und Fluren), indem sie Segen oder Unglück bringen können. Besonders dieser Aspekt erfordert eben auch einen respektvollen Umgang. Ihr Verhältnis zu den Alfen ist in Bezug auf die Ortsgebundenheit unscharf. Jedenfalls galt in Island das Gesetz, dass Drachenköpfe an Schiffen vor der Küste abgenommen werden mussten, um die Landwichte nicht zu erschrecken. Somit verkörpern sie die Kräfte des Bodens und der Natur und stehen in ihrer Bedeutung für erdverbundene Wesen und Hüter der Landschaft. Auch ihnen werden kleine Gaben dargebracht und Dankesworte ausgesprochen, um Erdung, Heilung, Fruchtbarkeit und Ausgleich auszudrücken – weniger religiös, mehr naturverbunden und symbolisch.

Geweihter Ort
Die Fotos mit den Opfergaben sind vor wenigen Tagen auf unserem Grundstück entstanden, als ein besonders schöner Winterabend war. Wir haben durch unsere ländliche Lage und der entsprechenden Grundstückgröße das Glück, dass sich schon vor vielen Jahren ein Bereich einrichten ließ, den wir als Heiligtum vom übrigen Teil des Gartens und anderer Grungstücksbereiche abgrenzen konnten. Den Eingang bildet ein mit Efeu überwachsener Bogen, unter dem sich eine Pforte befindet. Innen steht ein Steinhügel (Hörgr) umringt von einigen Bäumen. Mir ging es nun darum, die Opfergaben für die Disen, Alfen und Landwichte vor Schneefall und Witterung insoweit zu schützen, dass sie nicht beim nächsten Neuschnee vollständig eingeschneit werden. Daher habe ich mir ein Holzgestell gebaut, das einem kleinen Tisch (oder Stallar) ähnelt. Dieses Holzgestell habe ich neben dem Steinhügel an einer der Eichen aufgestellt und Kerzen, einen Ring und die Opfergaben, die fortlaufend alle Tage erneuert werden, so drapiert, dass ein ästhetisches und würdevolles Gesamtbild entsteht.

Hier sieht man den erwähnten Eingangsbereich mit Blick auf die Kerzen:


Um meinen Blogbeitrag an dieser Stelle begrifflich abzuschließen kann man festhalten, dass es im Grunde verschiedene Begriffe für einen Ort gibt, an dem Opfergaben niedergelegt werden. Sei es im Garten, im Haus, in der Wohnung – die Möglichkeiten sind vielfältig.
Hörgr (als Opferhügel) ist der historisch präziseste Begriff für eine kleine, oft private Kultstätte im Freien. Er bezeichnet ursprünglich einen aus Steinen aufgeschichteten Altar oder einen Steinhaufen, der Göttern, Alfen/Elfen (Ljósálfar) oder Ahnen gewidmet ist.
Wé (Weh) ist ein allgemeinerer altgermanischer Begriff für ein „Heiligtum“ oder einen „geweihten Ort“. Im Garten kann damit eine abgegrenzte, heilige Zone bezeichnet werden.
Stallr ist ein altnordische Begriff für einen festen Altarunterbau, auf dem Kultgegenstände oder Gaben platziert werden.
Opferstein / Götterstein kann in der modernen Praxis als Bezeichnung für einen markanten Findling oder eine flache Steinplatte genutzt werden.
Zu guter Letzt lässt sich natürlich auch immer Altar sagen, wobei der Begriff christlich geprägt wirkt, obwohl das Wort durchaus als universelle Bezeichnung für den Ort der rituellen Niederlegung gebräuchlich ist.













