Nerthus Einkehr

In Winterkälte verhüllt, verharrend,
wartest du auf deine Wiederkehr
in der Wonnezeit.
Wir werden dich willkommen heißen,
in deinen Rhythmen ruht das Leben.
Mutter Erde, Ernährerin.
Das goldene Getreide
reifend in Sunnas Strahl,
ist dein Geschenk, Gütige.
Heil dir, holde Nerthus.

Das Nerthus-Astgabel-Idol vor der Tür zum Erdkeller

Der Jahreslauf hat viele Gesichter, die stets mit dem Neuen beginnen, sich über das Wachsen und Werden fortsetzen, sich in der Fruchtbarkeit entfalten und in reifender Fülle dem Abschied zuneigen. Am Ende stehen Vergänglichkeit und Auflösung, die wieder den neuen Beginn hervorbringen. Diesen Lauf prägt das uralte Bild der Allmutter Erde, der Nerthus – sie entspricht der Urhandlung des schöpferischen Waltens und Aufgehens. Dieser Grundgeste der Natur einen Ausdruck zu verleihen, reicht bis in die frühesten Phasen in der Geschichte der Völker zurück.

Das Nerthus-Idol im Erdkeller vor den Obst- und Gemüsekisten

Bis wir nun wieder den ersten Frühlingswind im Gesicht spüren, der kühl durchs blattlose Geäst im Morgentau streicht, wird eine Weile vergehen. Denn dafür müssen wir zunächst das Tal der Vergänglichkeit durchlaufen. Gemeint ist damit der fortschreitende Herbst, der uns vor Augen führt, dass wir nun so langsam von der reifendenden Fülle Abschied nehmen müssen. Und darauf folgt der Winter. Denn dies ist auch die Zeit, in der Nerthus zurück zur Allmutter Erde geht. Die Einkehr, durch die dunkle Pforte hinein ins Erdreich, wo sie geschützt vor den Sturm- und Frostriesen geduldig bis zu ihrer Wiederkehr ausharrt.

Die zwei Gesichter des Herbstes

Aus dem nebelverhangenen Morgenrot steigt ein glänzender Tag empor. Nun ist es wieder Herbst. Die mit der Tagundnachtgleiche um den 23.9. herum beginnende erste Hälfte des Herbstes ist vom Reichtum der Ernte geprägt. Schwer neigen sich die Äste der Obstbäume gen Boden, voll reifer Äpfel, Birnen und anderer Früchte. Auch am Erdboden ist es längst soweit, die Erdfrüchte üppig mit beiden Händen aus der Erdkrume zu graben. Der Duft des frischen Erdreichs steigt empor und lässt einen Moment an die heißen Sommertage zurückdenken. Nun aber ist es nachts schon empfindlich kalt geworden – das gibt einen Vorgeschmack auf die herannahende dunkle Jahreszeit.

Das zweite Gesicht des Herbstes tauscht seine bunten Farben gegen das trübe Antlitz der zunehmenden Dunkelheit, der Herbststürme und dem Totengedenken. Und überhaupt sind die düsteren Aspekte der Vergänglichkeit schon wieder viel näher und werden bald vollends stete Begleiter in unserer herbstlichen Welt. Die Winternächte nahen.

Dies ist auch die Zeit des Totengedenkens und Ahnenehrung. Viele verbinden dies heute mit Halloween, einem hierzulade allerdings eher neuen Fest, das den Kindern viel Freude bereitet, und vielen Erwachsenen oberflächliche Zerstreuung bietet, um nicht hinter den grell leuchtenden, blinkenden Vorhang schauen zu müssen. Denn dort warten Gedanke und Erinnerung auf sie, in diesem Fall die Erinnerung an die Verstorbenen, die vor uns waren. All jene, die – wie wir – ihre Hände in die Erdkrume gruben, um voller Hoffnung auf reiche Ernte dem Boden etwas abzuringen. Für eine Ernte muss man säen und allerhand Geschick an den Tag legen. Nichts kommt von allein.

Lyfjaberg (Berg der Heilung)

Sattele deine Seele und lass sie entrinnen, mit blinden Augen wirst du den Weg schon finden, Atme den Atem ein – lasse die Gedanken schweben, langsam werden sie frei – lasse sie im Wind gleiten

Die Spindel spinnt – in Gedanken verwoben, in Sicht gewoben, magischer Gesang, entziehe der Seele Form und Gestalt, komm aus der Tür, komm durch den Spinnennetz-Schleier, komm, auf nackten Füßen, der, der die schwere Last trägt

In deinem Innerem erwartet dich ein steiler Weg, hoch auf der Spitze der Heilung erwarten dich neun weitere Mühen

Wenn du an der ersten Kreuzung stehst, wirst du innehalten, lege deine Kleidung nieder und alles, was du eigen nennst, auf dem Weg, den du beschreitest, wirst du nichts davon brauchen, die Last erleichtert, der Weg dennoch steil

Wenn du an der zweiten Kreuzung stehst, wirst du innehalten, lege deine Zeit nieder und alle Gedanken, die dich runterziehen, auf dem Weg, den du beschreitest, wirst du nichts davon brauchen, die Last erleichtert, der Weg dennoch steil

Wenn du an der dritten Kreuzung stehst, wirst du innehalten, lege deine Ängste nieder und alle Masken, die du trägst, auf dem Weg, den du beschreitest, wirst du nichts davon brauchen, die Last erleichtert, der Weg dennoch steil

Nackt auf der Spitze, der Berg erkennt dich, Nordwogen blasen wie Adlerschwingen, tragen den Wind, Schattenfrauen tanzen über deinem Antlitz, raunen Runen, auf mächtige Art, nur für dich

Wunde und Krankheit, aus Mark und Knochen, aus Fleisch und Blut, aus Muskel und Haut in das Wetter und in den Wind, wirst du verschwinden, ich beschwöre dich auf den blauen Berg, wo weder Mond noch Sonne dich erreichen, ich beschwöre dich in den verlassenen Wald und auf die See, die niemand befährt, tief unter dem standhaften Stein, außer Gefahr, rinne durch fließende Flüsse, werfe dich in Wellen

In das Wetter und in den Wind, wirst du verschwinden, weder Mond noch Sonne, können dich erreichen, sinke in die See, die niemand befährt

Und rinne durch Flüsse, Und werfe dich in Wellen

Der Berg der Heilung steht für alle Ewigkeit, für Trost der Kranken und Verletzten, Ein jeder, der den Berg erklimmt, wird lebenslang geheilt sein
Lege dich nieder auf dem Berg der Heilung, wo alle Flüsse, nach Norden und abwärts fließen, denn der Berg heilt all jene, die ihn besteigen

Zu diesem Lied gibt es auch ein Video.
Neben der Tatsache, dass dieses Lied einen Trance ähnlichen Zustand hervorrufen kann, hat meinen besten Freund und mich der Text bewegt und die Nähe zu unserer Art, das Heidentum zu leben, aufgezeigt. Uns wurde schnell klar, dass man den Lyfjaberg auch durchaus real gehen kann. Und was das für uns bedeuten kann.

So bereiteten wir uns vor und trafen uns in der Eifel, 7 Uhr morgens, mit unseren Opfern und Gedanken im Gepäck und liefen los.

Auf den ersten Kilometern, die im Wesentlichen eben verliefen, unterhielten wir uns über alle Themen, die uns in letzter Zeit bewegten. Insbesondere aber über die Opfer, die wir heute bringen wollten. Mit fortführendem Weg und mit steigender Anstrengung lösten sich Gedanken und ggf komplexere Lagen und teilweise fanden wir die Lösung selbst, bevor wir selbst fertig waren den Gedanken zu Ende zu schildern, wenn ihr versteht was ich meine.

Mit dem Südwind im Rücken liefen immer weiter Richtung Norden, wir waren nahezu alleine unterwegs, und bald auch fernab jedweder befahrenen Strasse. Ruhe. Nur der Wind und ein paar Tiere waren zu hören. Hier haben wir uns an Wardruna-Runaljod erinnert. Hier wurden ja viele Naturgeräusche begleitend zur Musik verwendet. Hier, fernab von Strassen, gar anderen Menschen, gingen wir nun genau durch diese Geräuschkulisse.
Der Weg führte uns über einen Waldweg bergab, bis wir einen Bach erreichten. Hier wendeten wir uns Richtung Süden und erreichten bald eine Fuhrt und eine Brücke. Hier war die erste Kreuzung, aber noch nicht der Ort für das erste Opfer. An dieser Kreuzung hätten wir einfach weiter dem Bach folgen können oder aber einen Berg hinauf gehen können. Wir wählten den Berg.

Nach wenigen, sehr steilen Metern erreichten wir eine dreistämmige, mächtige Buche! Beeindruckend. Hier gaben wir unser erstes Opfer (Wenn du an der ersten Kreuzung stehst, wirst du innehalten, lege deine Kleidung nieder und alles, was du Eigen nennst, auf dem Weg, den du beschreitest, wirst du nichts davon brauchen, die Last erleichtert, der Weg dennoch steil).

Wir setzten unseren Weg weiter fort. Auf ca 400m Strecke macht man hier ca 125 Höhenmeter! Wir liefen nun eine kleine Schleife und erreichten bald wieder den Waldweg, der uns ins Tal an den Bach brachte. Und genau diesen nahmen wir erneut bis wir wieder an Fuhrt und Brücke standen. Wieder standen wir an der Kreuzung. Und wieder bestiegen wir den Berg.

In der 2. Runde entdeckte ich Wollgras. Das stand auch in der ersten Runde über den Berg da, aber das war ich noch mit mir selbst beschäftigt.
Und auch wenn ich gut schnaufte, und mich da rauf kämpfte – ich sah das Wollgras, fasst es an, und war sofort mit den Gedanken und im Herzen auf Orkney – ein glücklicher Moment. Schön ihn mit einem Freund zu teilen.

An der mächtigen Buche brachten wir weitere Opfer.  Die zweite Besteigung kostete merklich Kraft. Mittlerweile war uns beiden warm und wir waren froh das die Temperatur deutlich unter 15 Grad blieb.
Als wir das dritte Mal an Fuhrt und Brücke erreichten wählten wir den Weg, der uns weiter am Bach entlang Richtung Süden bringen würde. Ein drittes Mal hätte ich den Berg aufgrund meiner Verletzung nicht laufen können.
Landschaftlich herrlich und in absoluter Ruhe konnten wir unseren Weg weiter gehen. Im letzten Drittel des Weges gibt es ein paar schöne Ecken, die zu einer Pause einladen. Das hätten wir auch gerne genutzt, aber find es an zu regnen. Nein, zu schütten.
Die Temperatur sank deutlich und es war als würden die Götter sagen “ jetzt zeigt, dass ihr es wirklich wollt“
Es galt kurz vor dem Ende des Weges noch einen kleinen, aber steilen Berg zu erklimmen an dessen Ende eine offene Scheune steht. Hier stellten wir uns unter, um das von mir mitgetragene Bier zu genießen. Ein paar Meter weiter wurde das letztes Opfer gebracht, und wir machten uns auf dem direkten Wege zu Haus.

Es waren nur noch 1,5km zu gehen, aber Wind und sehr kalter Regen machten es uns nicht leicht. Komplett durchnässt und nach 15 gelaufenen Kilometern erreichten wir das Haus. NICHTS ist trocken geblieben. Duschen, Feuer entfachen und still zurückblicken, auf unsren gelaufenen Lyfjaberg

Der Weg war fordernd, anstrengend, aber gut.

Er ist aber noch nicht zu Ende.
Im Herbst gehen wir noch einmal auf unseren persönlichen Lyfjaberg, dann hier am Niederrhein.
Wardruna macht Türen auf, immer wieder.

Frühjahrsputz im Heiligtum

Frühlingsstürme, Schnee, Regen und Sonnenschein – die Natur erwacht aus ihrem Winterschlaf. Die noch winterkalte Erde schlummert bedächtig unter dem Laub. Doch damit ist nun langsam Schluss. Sól steigt in ihrer Bahn und wärmt nicht nur meinen Rücken bei der Gartenarbeit, sondern erweckt ringsum alles zu neuem Leben.

Rings aufleuchtend und in ein helles Kleid gehüllt, unsterbliche Göttin auf lichtem Wagen. Uralt, doch immer jung, allen Wesen zugewandt bringst hervor das aufsteigende Licht.

In früheren Vorstellungen lagen die beiden Gewalten des Winters und des Sommers in einem fortwährenden Wettstreit: die lichte, fruchtbare Lebenskraft mußte den dunklen, alles erstarrenden Winter besiegen. Unter damaligen Lebensbedingungen konnte der Winter existenzbedrohende Auswirkungen haben. Heute denken wir das alles sei weit weg und tun dies als Relikte einer längst vergangenen Zeit ab. Doch ist das wirklich so? Auf dem Land oder auch auf dem eigenen Grundstück mit eigenen Tieren ist das spürbar; vor wenigen Tagen starb bei uns ein junges Huhn. Vermutlich durch den Winter geschwächt, trotz perfekter Haltungsbedingungen. Sowas kommt vor, sagt man sich auf dem Lande. Und damit gehört es in den großen Kreislauf des Kommens und Gehens. Und heute macht sich noch im Kleinen bemerkbar, was früher zum durchaus leidvollen Alltag gehörte. Der Kreislauf…

Ostara läutet die Wiederkehr und damit auch das Fortschreiten ein. Welch ein glücklicher Zeitpunkt, denn nun bin ich gewiss, dass der Winter sein Ende nimmt. Die Frostriesen stürmen zwar jeden Abend gegen die Feste Midgards an, doch nicht mehr zum Fimbulwinter! Ostara zeigt mir, dass es nicht so ist. Wenn wir uns also im Grunde die uralten Felsritzungen ansehen, dann kommen wir nach der Winterstarre so langsam wieder in die aufwärtsstrebende Spirale und können damit sichergehen, dass sich die Aussaat lohnt. Das ist der Sinn des Kreislaufs. Denn als ich bei -20 C° im nahegelegenen Moor die umgestürzten Bäume der vergangenen Herbststürme zersägte, war ich mir aus unserer infrastrukturell und gesellschaftlich abgesicherten Lebensweise zwar sicher, dass es weitergeht. Doch im Innern lehrt mich doch mein mythologisches Weltbild, dass es jederzeit vorbei sein kann. 

Daher ehre ich das Heilige, das sich in der Natur manifestiert. Bei uns auf dem Hof habe ich dem Heiligen einen Bereich gewidmet und eine räumliche Grenze geschaffen. Ich nenne es mein Steinheiligtum. Hier beobachte ich im Verlauf des Jahres die verschiedenen Gesichter der Jahreszeiten… doch das Sichtbare darf nicht darüber hinweg täuschen, dass wir den Waltenden überall und zu jeder Zeit begegnen können. Die Grenze zwischen heilig und profan setzt zwar eine bewusste Trennung. Aber gerade jetzt in der Zeit Ostaras können wir unseren Blick jeden Morgen gen Morgenröte richten und sehen diesen wunderbaren reich geschmückten Wagen, auf dem Ostara uns entgegen fährt. Es ist einfach toll. Wie können wir den Göttern für so ein Geschenk mehr danken, als durch treuebesiegelten Gabentausch?