Die Tage sind kurz, die Nächte lang – still steht das Jahresrad

Von eisigen Wellen eingefrorene Steine und Weidenäste

Die Tage sind kurz, die Nächte lang, die Natur ruht unter Frost, Dunkelheit und Stille. Der Jahreskreis ist von Wintersonnenwende zu Wintersonnenwende vollständig durchlaufen und hat alle Mond- und Sonnenphasen abgeschritten. Mit dem neuen Vollmond nach den Rauhnächten, dem Wolfsmond am 03.01.2026, beginnt die Zeit der winterlichen Disen und Alfen im neuen Jahreslauf, welche im Dísir- und Álfablót (zum Februar Vollmond) ihren Höhepunkt findet. Es werden Opfergaben an die Dísir und Álfar dargebracht, um die Verbindung zu den schützenden Mächten zu stärken um Wohlstand, Lebenskraft, Gesundheit, Fruchtbarkeit und Schutz für Familie, Haus und Hof zu sichern. Der Name Wolfsmond (für den ersten neuen Vollmond im Jahreskreis) geht wahrscheinlich auf die Beobachtung unserer Vorfahren zurück, dass man gerade in der Zeit um den Januar herum, wenn die Nächte besonders lang und still sind, die Wölfe vermehrt heulen hört.

Der gesamte Winterzeitraum reicht heran, bis die Kämpfe mit dem aufsteigenden Licht beginnen. In den Vorstellungen liegen die beiden Gewalten des Winters und des Sommers in einem fortwährenden Wettstreit: die lichte, fruchtbare Lebenskraft muss den dunklen, alles erstarrenden Winter besiegen. Im Widerstreit aus Frühlingsstürmen, Schnee, Regen und Sonnenschein erwacht Midgard aus dem Winterschlaf. Jetzt fängt das Samenkorn an, aus dem dunklen Grund zu sprießen und sichtbar zu werden. Die Weiden und Hasel blühen und die ersten Frühlingsboten, Schneeglöckchen und Schlüsselblumen, zeigen sich in ihrer zarten Schönheit. Der Frühling gewinnt an Kraft und alles fängt an zu wachsen. Die erwachende Sonnenkraft, die der Erde Leben und Fruchtbarkeit zurückbringt, stellt man sich als junge Frau vor, als wiederkehrende weiße, ja hellstrahlende Göttin: Ostara (Eostra, Austrô) ist jene, die im neuen Jahreskreis erstmals (zur Frühlings-Tagundnachtgleiche) den Frühlingspunkt erreicht.

Aufgehende Wintersonne

Dem Sonnenfest Ostara folgt im Mai-Vollmond das Sigrblót. Es wird als Begrüßung der hellen Jahreshälfte verstanden, so gilt es hoch im Norden mancherorts als Sieg über die winterlichen Frostriesen. Doch genauso steht es im Zusammenhang für den siegreichen Ausgang der eigenen Angelegenheiten, beziehungsweise aller jährlichen Vorhaben (und Auseinandersetzungen). Odin steht als Hauptgott im Mittelpunkt und man muss bedenken, dass er grundsätzlich kein Spaß- oder Freundgott ist, sondern in seinen Wegen undurchsichtig bleibt. Kommt er nächtens gewandert im blauen Gewand, seinen Hut tief ins Gesicht gezogen, in seiner Hand einen verwitterten Wanderstab, so kann das alles sein, doch bestimmt keine freundliche Erscheinung. Doch wenn von Draupnir in jeder neunten Nacht acht gleich schwere Ringe abtropfen, ist dies auch ein unverkennbares Zeichen von Glück und Wohlstand – nur ein kleiner Teil könnte davon für ein heilvolles Gelingen nötig sein. Dann kommt er als Ringgeber oder Sigföðr (Siegvater) daher, die tief erhoffte Wendung bringend. Selbst in verfahrenen oder ausweglos erscheinenden Situationen kann sein Wirken das Ruder in letzter Sekunde herumreißen. Nur eines darf man nicht vergessen: Jede Gabe verlangt Gegengabe – und wie diese einen fernen Tages aussehen mag, weiß nur er.

Der einäugige Wanderer im blauen Gewand, seinen Hut tief ins Gesicht gezogen, in seiner Hand einen verwitterten Wanderstab

Nach dem Sigrblót folgt die Sommersonnenwende; der längste Tag des Jahres und für viele auch der Höhepunkt des germanischen Jahres. Die Dagaz-Rune symbolisiert sehr schön den flüchtigen Charakter des Festes: Die Sonnenwende ist eine Übergangszeit, genauso wie die Dämmerung, die die Nacht vom Tag trennt. Sie ist auch eine Schwelle nach deren Überschreitung die Tage kürzer werden. Drei Runen umreißen das Geschehen: Dagaz steht für die Sonnenwende selbst, Übergangszeit. Das Land (Othala) steht in Blüte / Reife und ist fruchtbar (Fehu). Fehu steht aber auch für eine Polarisation zwischen Werden und Vergehen, auch hier das Symbol des Übergangs. Das Wachstum ist an seinem Höhepunkt angekommen, es herrscht Fülle und Reife.

Die Reifezeit mündet in das Herbstfest, in dem sich der Dank an die Erdmutter (für die Wachstumskraft, die sich in der Ernte manifestiert hat) mit dem Dank an den Himmelsvater (für Sonne und Regen, die die Ernte gedeihen ließen) vereinen. Als Opfergaben eignet sich daher alles, was irgendwie mit der Ernte zusammenhängt. Also klassischerweise Obst und Gemüse vorzugsweise aus eigenem Anbau, Getreide, Nüsse, Kräuter, selbstgebackenes Brot, selbstgebrautes Bier, selbstgegorener Met und vieles mehr. Beim Herbstfest wird vielen Gottheiten gedankt, die alle je in ihrer Weise an der Ernte und dem Wohlergehen der Menschen beteiligt sind. Freyr und Freya für ihre zur Fruchtbarkeit gewordenen Kraft, Frigg, die Haushalt und Mütterlichkeit vereint; Woðan, der Befruchter; Thor, der Beschützer. Ihnen allen wird in einem groß angelegten Blot gedankt. Der Altar sollte festlich geschmückt werden und wie heute noch beim Erntedank üblich, dürfen Früchte nicht fehlen.

Doch mit dem fortschreitenden Herbst ist auch unverkennbar, dass wir uns längst wieder in der dunklen (und auf den Winter zugehenden) Jahreshälfte bewegen. Die Nächte sind schon empfindlich kalt, je nach Lage friert es nachts bereits. Die Bäume verlieren ihre Blätter und mit der ‚dahinwelkenden Natur‘ werden auch die Gedanken der Menschen auf ihre Toten gelenkt. Daher tritt in den Winternächten ein weiterer Aspekt hervor, der in den Sommermonaten, sowie der gesamten hellen Jahreshälfte, weniger im Vordergrund steht – die Ahnenehrung. Das Vergängliche liegt nebelschwer über dem Land und lässt in manchen Momenten die Konturen zwischen den Welten verschwimmen. Diesem Aspekt wird das Winternächteblót im Oktober Vollmond gerecht.

Winterlicht fällt auf den gefrorenen See

Und mit den Winternächten ist der letzte Schritt getan, denn es naht die Julzeit mit der die Sonne ihren tiefsten Stand im Jahreslauf erreicht. Und in dieser dunkelsten Zeit bildet die Wintersonnenwende den Wendepunkt. Ab da werden die Tage wieder länger und die Sonne wird bald an „Kraft“ gewinnen, um das Leben, das wie tot in der Erde ruht, neu entstehen zu lassen. Mit der Wintersonnenwende beginnt das Rad sich wieder zu drehen. Zunächst kaum merklich, doch unaufhaltsam.

Das ewige Jahresrad

Das Licht kehrt zurück. Wie ein ewiges Rad schreitet Jahreskreis um Jahreskreis durch Neubeginn, Aufblühen, Emporstreben, Fülle, Loslassen, Ende und Wiederkehr… es lässt sich so vieles darin verstehen und erkennen. Wenn das Jahresrad stillsteht, öffnet sich ein heiliger Moment jenseits von Zeit und Eile. Wer ihn bewusst begeht, tritt in Verbindung mit alten Wegen und zeitlosen Wahrheiten. Und wenn das Rad sich wieder dreht, gehen wir nicht einfach weiter wie zuvor – sondern ein wenig verwandelt, mit dem Wissen um den ewigen Kreislauf, der uns trägt. Stille ist kein leeres Nichts. In ihr kann Altes verabschiedet werden, während Neues noch ungeboren im Verborgenen ruht. Wer still wird, kann hören, was das vergangene Jahr gelehrt hat – und was kommen will.

Jera Rune im vereisten Stallfenster

Die Rune Jera hat im Jahreskreis eine besondere Bedeutung, weil sie den natürlichen Rhythmus von Zeit, Wachstum und Ernte verkörpert. Ihr Name bedeutet wörtlich Jahr oder Erntejahr. Jera ist die Rune, welche die Phasen Saat/Aussaat (Absichten werden gesetzt) → Wachstum (Pflege, Arbeit, Durchhaltevermögen) → Ernte (Ergebnisse zeigen sich) → Ruhe/Rückzug (Ruhe, Reflexion, Vorbereitung) miteinander verbindet. Sie ist keine Rune für schnelle Wünsche, sondern für nachhaltige Entwicklung. Im Gegensatz zu plötzlichen Ereignissen wirkt Jera langsam, aber unausweichlich. So unausweichlich wie das Schicksal selbst…

Mir kam dieser Gedanke vor kurzem in den Sinn, als ich über den gefrorenen Boden in den Stall ging, um nach den Hühnern zu sehen. Der Stall war still, nur das leise Scharren der Hühner im Stroh und ihr gedämpftes Gackern füllten den Raum. Die Kälte hing noch zwischen den Holzbalken, während die Tiere dicht beieinander saßen, warm, wachsam, lebendig. Ich ging langsam an ihnen vorbei, blieb kurz stehen, beobachtete das ruhige, selbstverständliche Tun, mit dem sie dem Winter trotzten. Am kleinen Fenster hatte der Frost über Nacht eine feste Eisschicht gezogen. Ich legte den Finger darauf. Die Kälte biss, zog sofort durch die Haut. Langsam begann ich, die Rune in das Eis zu zeichnen. Nicht hastig, nicht fest, sondern mit ruhigem Druck. Linie um Linie entstand unter meinem Finger, weiß und klar gegen das gefrorene Glas. Ein Zeichen für den Lauf der Dinge, für das Jahr, das sich schließt und neu beginnt.

Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern einen besinnlichen Jahreswechsel und viel Glück, Gesundheit, Kraft und Mut im neuen Jahreskreis.

Jahreskreisfeste 2026
Disenblót = 01.02.2026 (Februar Vollmond)
Ostara = 20.03.2026 (Frühlings-Tagundnachtgleiche)
Sigrblót = 01.05.2026 (Mai Vollmond)
Mittsommerblót = 21.06.2025 (Sommersonnenwende)
Herbstblót = 23.09.2026 (Herbst-Tagundnachtgleiche)
Winternächteblót = 26.10.2026 (Oktober Vollmond)
Julblót = 21.12.2026 (Wintersonnenwende)

Zwischen Dunkel und neuem Licht

Die Mistel zur Wintersonnenwende

Zur Wintersonnenwende, leis und sacht,
hängt die Mistel in sternklarer Nacht.

Zwischen Dunkel und neuem Licht
flüstert sie Hoffnung, die niemals bricht.

Ihr grünes Antlitz im winterlichen Geäst,
hält selbst im Stillstand am Leben fest.

Wo Tage am kürzesten, Schatten so schwer,
gibt sie Gewissheit von Wiederkehr.

Nicht aus Wurzel, nicht aus Erd’ geboren,
doch war ihr Schicksal längst erkoren.
Ein leiser Zweig, unscheinbar und klein,
doch webte er Tod und Erinnerung hinein.
So mahnt die Mistel, im Mythenlicht:
Was sanft erscheint, ist harmlos oft nicht.

Zur Wintersonnenwende, wenn die Nacht tiefsten Atem hält,
kehrt das Licht leis‘ zurück in die Welt.
Der längste Schatten verliert seine Macht,
denn selbst im Dunkel wächst neue Kraft.

Was schwindet, vergeht nicht für immer,
es wandelt sich, wartet…

… steigt leis‘ neu auf im Schimmer.

Das Fest der Wintersonnenwende

Die Wintersonnenwende ist eines der ältesten Feste der Menschheit und markiert den kürzesten Tag sowie die längste Nacht des Jahres. Seit Jahrtausenden feiern Kulturen weltweit diesen Wendepunkt, der nicht nur den Winter, sondern auch den Beginn des zunehmenden Lichts symbolisiert.

Für unsere Vorfahren war die Wintersonnenwende ein Zeitpunkt der Hoffnung. In der Dunkelheit des Winters stand sie für den Sieg des Lichts über die Dunkelheit, eine Zeit der Erneuerung und des Neubeginns. Steinzeitliche Bauwerke wie Stonehenge in England oder die Hügelgräber in Irland sind so ausgerichtet, dass sie das Sonnenlicht der Wintersonnenwende einfangen. Auch die Germanen und Kelten zelebrierten dieses Ereignis mit großen Feuern, Opfern und Festmahlen.

Die Römer feierten das „Saturnalia“, ein Fest zu Ehren des Gottes Saturn, bei dem Geschenke ausgetauscht wurden – ein Brauch, der später in das christliche Weihnachtsfest einfloss. Im skandinavischen Raum wurde das Julfest begangen, das ebenfalls als Ursprung moderner Weihnachtsbräuche gilt.

Die Bräuche rund um die Wintersonnenwende variieren, haben aber oft ähnliche Elemente:

Lichter und Feuer: Feuer symbolisieren die Kraft der Sonne und sind Sinnbild des wiederkehrenden Lichts. Auch Kerzen und Lichterketten erinnern an diese Tradition.

Naturverbundenheit: Immergrüne Pflanzen wie Tannen, Misteln und Stechpalmen symbolisieren Fruchtbarkeit und Leben. Sie werden ins Haus gebracht, um Schutz und Hoffnung zu bringen – eine Tradition, die sich in unserem Weihnachtsbaum widerspiegelt.

Speisen und Gemeinschaft: Das Teilen von Essen in der Gemeinschaft ist ein zentraler Bestandteil. Schon in der Vergangenheit wurden oft die Vorräte für ein Festmahl genutzt, um den Wendepunkt gebührend zu feiern.

Die Wintersonnenwende erinnert uns daran, dass nach der Dunkelheit stets das Licht kommt – ein zeitloses Symbol, das Hoffnung und Zuversicht schenkt, gerade in der kalten Jahreszeit. Egal ob mit einem Feuer im Garten, einer Meditation oder einer Wanderung im Schnee: Das Fest der Wintersonnenwende lädt dazu ein, innezuhalten und den Kreislauf der Natur zu feiern.

Zur Wintersonnenwende

Die längste Nacht, der dunkelste Tag,
der Winter hält die Welt im Schlag.
Doch tief im Schatten keimt das Licht,
die Sonne wächst, sie bricht die Sicht.

Ein Funke glimmt im kalten Land,
das Rad des Jahres dreht sich sanft.
Die Hoffnung strahlt, das Herz wird weit –
Willkommen, neue Sonnenzeit!

    Der ruhmstrahlende Gabenbringer

    Wer ist eigentlich dieser Ruprecht, der in heutiger Zeit meist als Gehilfe des „heiligen Nikolaus“ auftritt. Und wofür braucht der Nikolaus einen Gehilfen? Und wer von den beiden ist der Weihnachtsmann?

    Ruprecht geht auf mittelhochdeutsch Ruotperht/Hruodpercht und althochdeutsch Hruodperaht zurück, was soviel wie ‚Ruhmstrahlender‘ oder ‚der von Ruhm Strotzende‘ bedeutet.

    Wodan der Wanderer

    Ruprecht, eine Figur der Folklore, ist eng mit alten germanischen Mythen und Bräuchen verbunden. Sein Name leitet sich von Hroutpercht ab, einem Begriff, der sich aus den althochdeutschen Wörtern hrôd („Ruhm“) und peraht („glänzend“ oder „prächtig“) zusammensetzt. Diese Verbindung zur Glanz- und Ruhmeswelt gibt uns Einblick in die tiefere Symbolik dieser Gestalt und ihre Entwicklung von einer heidnischen Gottheit hin zur heutigen Begleiterfigur des christlichen Weihnachtsmanns.

    Hroutpercht wird in der Forschung als ein Fragment heidnischer Bräuche und Vorstellungen gedeutet. Die Bezeichnung könnte mit Perchta, einer süddeutschen und alpenländischen Sagengestalt, verwandt sein. Perchta war ursprünglich eine Schutz- und Fruchtbarkeitsgöttin, die in den Rauhnächten durch die Lande zog und über Ordnung und Wohlstand wachte. In dieser Tradition spiegelt sich ein Aspekt von Hroutpercht wider: als ein Wesen, das zwischen den Welten wandert und Menschen für ihr Verhalten belohnt oder bestraft.

    Hingegen ist Nikolaus nach der christlichen Lehre ein Heiliger, steht somit nicht im Kontext des germanischen Julfests. Anders Herr Ruprecht, der keineswegs ein Knecht ist, sondern in seinem blauen Mantel, der ursprünglichen Farbe des Weihnachtsmann-Umhangs, auf den höchsten Gott der germanischen Religion verweist. Grimm wies 1835 darauf hin, daß neuhochdeutsch Ruprecht auf mittelhochdeutsch Ruotperht/Hruodpercht und althochdeutsch Hruodperaht zurückgeht, was ‚Ruhmstrahlender‘ oder ‚der von Ruhm Strotzende‘ bedeutet, womit Wodan gemeint ist. Parallelen wären beispielsweise, daß der Weihnachtsmann häufig auf einer Art Thron dargestellt wird (z.B. auf Weihnachtsmärkten) oder zumindest auf einem erhöhten Sitz. Es ist sicherlich sehr spekulativ, aber hier ließe an Hlidskjalf denken. Weitere Symbole: Ruprecht reitet auf einem weißen Schimmel (Sleipnir) durch die Lüfte oder erscheint als Wanderer mit einem Wanderstab (in Gestalt des Wanderers führt Óðinn einen Stab, den er bei Bedarf in seinen Speer Gungnir verwandelt). Ruprecht trägt einen langen Bart, dazu einen blauen Mantel mit Hut und weiß über alle Geschehnisse Bescheid.

    Mit der Christianisierung wurden viele heidnische Figuren umgedeutet. Hroutpercht verlor seine göttliche Rolle und wurde in der mittelalterlichen Folklore zu einer dämonischen oder belehrenden Gestalt umgeformt. In dieser Übergangszeit entstand vermutlich auch die Figur Knecht Ruprecht, der als Begleiter des heiligen Nikolaus im deutschen Weihnachtsbrauchtum bekannt ist.

    Knecht Ruprecht übernimmt hier die Funktion eines Erziehers: Während Nikolaus die braven Kinder belohnt, warnt Ruprecht vor Fehlverhalten. Diese duale Funktion lässt sich auf die ursprüngliche Rolle von Hroutpercht zurückführen, der sowohl Belohnung als auch Strafe symbolisierte – ein Motiv, das tief in der germanischen Mythologie verankert ist.

    Heutzutage erscheint Knecht Ruprecht als finster gekleideter Mann mit Rute, Säcken und manchmal einer Glocke. In einigen Regionen wird er von Perchtenläufen begleitet, die auf die Tradition der alpenländischen Perchten zurückgehen. Diese Läufe, oft von maskierten Gruppen durchgeführt, erinnern an die ursprüngliche Ambivalenz von Hroutpercht als einer Gestalt zwischen Licht und Dunkelheit, die die kosmische Ordnung bewahrt.

    Symbolik und Bedeutung

    Die Figur Ruprecht und sein mythologischer Vorläufer Hroutpercht verkörpern einen Übergang zwischen heidnischen und christlichen Traditionen. Ihre Symbolik – als Vermittler zwischen Gut und Böse, Licht und Dunkelheit – zeigt, wie eng europäische Weihnachtsbräuche mit vorchristlichen Glaubensvorstellungen verflochten sind. Sie verdeutlicht außerdem den Einfluss von Geschichten und Mythen auf unsere heutige Vorstellung von Festen und Traditionen.

    Hroutpercht ist ein faszinierendes Beispiel für die Verflechtung germanischer Mythologie mit christlicher Symbolik. Als Vorläufer von Knecht Ruprecht zeigt er, wie alte Bräuche im Laufe der Jahrhunderte überdauern und sich an veränderte kulturelle und religiöse Kontexte anpassen. In dieser Gestalt lebt ein Teil der germanischen Seele weiter, verborgen im Schein der Weihnachtslichter.