Im milden Licht des Sommers

In meiner dreiteiligen Beitragsreihe über die Disen, Alfen und Landwichte (1, 2, 3 ) Anfang des Jahres habe ich im winterlichen Zusammenhang so einige stimmungsvolle Impressionen eingefügt, die nun aus der sommerlichen Perspektive einen tollen Kontrast aufzeigen zwischen hell und dunkel, Sommer und Winter. Diesem Kontrast widme ich nun einen Sommerbeitrag, insbesondere auch im Hinblick auf die immer näher rückende Sommersonnenwende. Denn auch hier lassen sich vielfältige Ankerpunkte in den Überlieferungen finden, die sich auch ein stückweit poetisch hervorheben lassen. Daher sei dieser Beitrag geweiht der …

Heilige Sommerzeit

Wenn sanft der Sommerwind erwacht,
und es weicht die lange, dunkle Nacht,
dann erstrahlt dein Antlitz so rein und klar,
oh Baldur, wie schon von Anbeginn es war.

Oh Sól, du schenkst der Erde milden Glanz,
weckst Wald und Feld zum Sommertanz.
Auf gold’nem Wagen, stolz und rein,
fährst du himmelhoch über Midgards Weiten ein.

So glänzt im milden Licht der Sommerzeit
heiliger Schimmer in früh Morgentaues Einsamkeit.
Bis über die sommerheiße Mittagszeit
der Glanz hinüberfließt in abendrote Leichtigkeit.

Es ist Zeit den Höhepunkt des Lichtes zu ehren.

Blaue Wiesenblumen

Losgelöst von diesen kurzen Gedichtzeilen ist die lebensspendende Bedeutung dieser hellen Zeit tief in den Texten der nordischen Eddas und Sagas verankert. Im nordischen Weltbild ist der Sommer nicht nur warmes Wetter, sondern der heilige Sieg des Lichts über die Mächte der Kälte und des Chaos. Daher habe ich mal versucht, einige passende  Lieder und Textstellen aus der Älteren Edda aufzugreifen, die diese Kraft und Heiligkeit des Sommers einfangen. Es beginnt natürlich mit der …

Die Erschaffung der Jahreszeiten (in der Rede Vafdrudnirs, den Vafþrúðnismál)

Im Lied von Wafthrudnir wird das kosmische Gleichgewicht erklärt. Hier erfahren wir, dass die Jahreszeiten von zwei personifizierten Kräften stammen. Der Sommer geht aus einem gütigen, milden Wesen hervor:

„Vindsvalr heißt des Vetrs (Winter) Vater,
und Svásuðr (der Milde/Liebliche) ist des Sommers Vater.“
Strophe 27

In Bezug auf diese Strophe wird der Sommer hier als direktes Kind der Milde (Svásuðr) beschrieben. Das zeigt, dass die Nordleute den Sommer als eine heilige, wohlwollende Zeit sahen, die den harschen Winter bricht.

Nerthus-Idol im frühsommerlichen Wildgarten des Steinheiligtums

Das Erwachen der Natur (in Völvas Schau, der Völuspá)

In der Seherin Gesicht wird die Entstehung der Welt beschrieben. Das erste Ergrünen der Erde unter den warmen Strahlen der Sonne ist das Urbild für den Beginn der fruchtbaren Sommerzeit:

„Bis Burs Söhne den Boden erhuben,
Sie, die das mächtige Midgard schufen;
Die Sól (Sonne) schien von Süden auf die Saalsteine,
da grünte der Boden mit grünem Lauch (grünen Halmen)“
Strophe 4

Die Sonne, die von Süden scheint und das Grün hervorbringt, ist die Ur-Kraft des nordischen Sommers. Es ist der Moment, in dem das Leben die Oberhand gewinnt.

Die Sonne als Heilbringer (in der Rede Hars, den Hávamál)

In den Sprüchen des Hohen (Odin) finden sich viele weise Ratschläge. Zum Beispiel wird die die Sonne (und damit die helle Jahreszeit) als das größte Gut für den Menschen hervorgehoben:

„Feuer ist das Beste den Erdgeborenen (Menschen),
und der Sonne Anblick,
seine Gesundheit zu haben, wenn man sie hüten kann,
und ein Leben ohne Schande.“
Strophe 68

Bedeutend ist, dass die Sonne in einer Reihe mit dem lebensnotwendigen Feuer und der Gesundheit genannt wird. Die Sommerzeit ist im Norden die Zeit, in der man diese heilige Kraft der Sonne direkt in sich aufnehmen kann.

Hörgr mit Räucherung im Frühsommer

Die ewige Erneuerung

Doch die mit Abstand mächtigste und ausdrucksvollste Passage befindet sich am Abschluss der Völuspá:

„Da sieht sie auftauchen zum andernmale
Aus dem Wasser die Jörd (die Erde) und wieder grünen.
Die Fluten fallen, darüber fliegt der Aar (der Adler),
der auf dem Felsen nach Fischen weidet.“
Strophe 59

„Da werden unbesät die Äcker tragen,
alles Böse bessert sich, Baldr kommt wieder.“
Strophe 62

Nach den Schrecken des Fimbulwinters (dem dreijährigen Riesen-Winter) und dem Ragnarök ersteht eine neue grüne Welt. Es ist der Sieg des Sommers über den Winter. Der strahlende Baldr kehrt zurück und die Natur blüht von ganz alleine.

Die Götterlieder der Edda

Für den Abgleich und das Zusammenstellen der Textstellen habe ich übrigens die Götterlieder der Edda (Band 2) von Géza Árpád v. Nahodyl Neményi verwendet. Also Band 2 einer Trilogie, die ich aus inhaltlichen wie auch ästhetischen Gründen immer wieder gern zur Hand nehmen. Auf Asentr.eu habe ich einige Zeilen dazu geschrieben: Kurzrezension Gesamtreihe: Jüngere Edda, Götter- und Heldenlieder – Altnordisch und deutsch

Sommer & Winter – hell & dunkel

Um den eingangs erwähnten Kontrast aufzugreifen und den Beitrag damit abzuschließen, möchte ich die kleine geschützte Opferstelle für das kleine Volk, die ich in meinem Steinheiligtum angelegt hatte, noch einmal gegenüberstellen – und zwar einmal im…

Frühsommer
…im Winter im Kerzenschein

Herbst-Tagundnachtgleiche

Der Herbst präsentiert sich von seiner schönsten Seite und erreicht mit dem 21./22. September seinen Höhepunkt: Die Herbst-Tagundnachtgleiche markiert jenen besonderen Moment im Jahreskreis, an dem Licht und Dunkel in vollkommenem Gleichgewicht stehen. Das Rad des Jahres dreht sich weiter und weist uns mit dem Ende der Erntezeit darauf hin, dass sich nun langsam auch die Kräfte der Natur in die Erde zurückziehen. Das bedeutet für uns, dass sich Nerthus selbst ins schützende Erdreich zurückzieht und auf den Moment wartet, bis die Sonne wieder Kraft gewinnt.

Opfergabe und Dank. Wenn die kalte Jahreszeit beginnt, zieht sich das Nerthus-Holzidol zurück in die Erde. Dort findet Nerthus Schutz vor Frost und Schnee, eingebettet in die Dunkelheit und Stille des Winters.
Wir teilen mit den waltenden Mächten unsere Gaben und bitten um Stärke, Schutz und Licht für den Weg durch Herbst und Winter.

Drei Runen lassen sich mit dem Herbst gut in Verbindung bringen:

Die drei Herbst-Runen Raidho, Kenaz und Gebo

Raidho symbolisiert hier die vollendete Ordnung. Geordnete Bewegung und bekannter Rhythmus geben auch im übertragenen Sinn eine Wegbestimmung, ein „Bewegtwerden“ des Menschen im Jahres- wie auch im Lebenskreis.

Kenaz das Wissen, die Einsicht. Kenaz verkörpert die Notwendigkeit des Ausgleichs, Transformation, auch „inneres Feuer“, Lebenskraft und Leidenschaft.

Gebo steht für die Dualität zwischen Erdmutter (für die Wachstumskraft, die sich in der Ernte manifestiert hat) und Himmelsvater (für Sonne und Regen, die die Ernte gedeihen ließen). Gabe – Gegengabe – Austausch.


Anrufung zum Herbstfest

Heil euch, Götter und Ahnen,
die ihr wacht über Feld und Flur,
über Herd und Heim, über Mensch und Tier.

Wir treten zusammen im goldenen Licht des Herbstes,
wenn die Ernte eingebracht, die Speicher gefüllt,
die Sonne tiefer sinkt und der Nebel das Land umhüllt.

Freyja, Herrin der Fruchtbarkeit und Fülle,
wir danken dir für die reiche Ernte.
Freyr, Hüter des Wachstums,
dein Segen nährte Saat und Korn.

Donar, du Donnerer,
schütztest uns mit deinem Hammer vor Unheil.
Wodan, Allvater,
führe uns mit deiner Weisheit durch die dunklen Tage.

Ahnen, die vor uns gingen,
wir gedenken eurer mit Ehrfurcht und Dank.

Nun opfern wir euch Brot und Trank,
teilen mit euch unsere Gaben,
und bitten um Stärke, Schutz und Licht
für den Weg durch Herbst und Winter.

Heil den Göttern!
Heil den Ahnen!
Heil dem Kreislauf von Saat und Ernte,
Leben und Tod, Dunkel und Licht!

Eingang zum Steinheiligtum am frühen Morgen
Im morgendlichen Herbstnebel stehen die Gaben bereit am Hörgr. Es sind die letzten Tage, in denen das Nerthus-Idol noch im Heiligtum steht. Dann wird es feierlich in den Erdkeller gebracht, wo es den Winter über steht.

Der herannahende Herbst

Sicherlich habe viele den wundervollen Mond beobachten können – den Septembermond, den Herbstmond… ja, jenen Mond, der die ersten kühlen Nächte, den Duft reifer Äpfel und das morgendlich goldene Leuchten der Felder einleutet. Der herannahende Herbst klopft an die Tür. Die Wandlung der Jahreszeit ist ein heiliger Abschnitt im ewigen Kreislauf von Werden, Vergehen und Neubeginn.

Der Herbst ist die Zeit der Ernte. Die Vorräte, die nun gesammelt werden, waren für unsere Vorfahren überlebenswichtig. Kornspeicher, Obstkeller und Räucherkammern füllten sich, während man zugleich den Göttern und Ahnen Dank darbrachte. Auch heute noch können wir innehalten und uns fragen: Welche „Früchte“ tragen wir in diesem Jahr? Welche Mühen haben sich gelohnt, welche Gaben möchten wir dankbar annehmen?

Herbst 2023

Im Kreis der Götter wenden sich nun die Kräfte. Donar, der uns im Sommer mit Regen und Schutz begleitete, zieht sich zurück. Frey, Freya und Nerthus erinnern uns an Wachstum und Kraft der Erde, die uns reich beschenkt, bevor sie zur Ruhe geht. Wodan, der Wanderer, tritt nun wieder stärker hervor, denn er führt uns in die dunklere Zeit, in der Innenschau, Weisheit und Ahnenkraft wichtig werden. Denn mit den kürzer werdenden Tagen wächst die Nähe zu den Ahnen. In der Dunkelheit liegt die Erinnerung an jene, die vor uns lebten und deren Wege uns tragen. Der Herbst lädt uns ein, ihre Geschichten zu ehren, Kerzen anzuzünden, Opfergaben zu bringen und die Bande zwischen den Generationen zu spüren.

Die fallenden Blätter erinnern uns daran, dass alles dem Wandel unterliegt. So wie die Bäume ihr Laub loslassen, dürfen und müssen auch wir uns von dem trennen, was nicht mehr zu uns gehört. Der Herbst lehrt uns, dass Vergehen nicht das Ende ist, sondern ein Schritt im großen Kreis des Lebens. Doch der Herbst ist keine Zeit des Abschieds, sondern der Vorbereitung. Was jetzt vergeht, wird im Frühling wiederkehren. In diesem Wissen liegt die Kraft und ein tiefes Gefühl der Verbundenheit mit den Mächten, die uns umgeben.

Heil den Göttern, Heil den Ahnen, Heil dem heiligen Herbst!

In diesem Wissen liegt die Kraft und ein tiefes Gefühl der Verbundenheit mit den Mächten, die uns umgeben.

Sommersonnenwende – Das Licht auf seinem Höhepunkt

Ein Sonnengruß am Morgen

Am 20./21. Juni feiern wir die Sommersonnenwende – jenen kraftvollen Moment, an dem die Sonne ihren höchsten Stand erreicht und der Tag am längsten währt. Es ist ein heiliger Wendepunkt im Rad des Jahres – ein Fest der Fülle, des Feuers und des Lebens.

Wir ehren das Licht in Midgard und Asgard – und in uns selbst
Was will strahlen? Was soll gefeiert, was muss losgelassen werden?

Mögen unsere Herzen weit sein. Mögen unsere Feuer hell brennen. Mögen wir im Einklang mit der Natur unsere Wege bestreiten.