Der Wald ist nicht einfach nur ein Wald. Eine Gedankenreise in die dunkle Jahreszeit.

Liebe Leserinnen und Leser,

ich möchte euch (und mich selbst) nicht mit den üblichen heidnischen Allgemeinplätzen langweilen, die sich leicht zum Herbst sowie auch zu allen anderen Jahreszeiten niederschreiben (oder kopieren) lassen. Vielmehr möchte ich eine Gedankenreise in die dunkle Jahreszeit anstoßen und dazu einladen, den Herbst und Winter mit interessanten, sicher auch nachdenklichen „inneren“ Aspekten anzureichern, ja um die Dunkelheit nicht als Last, sondern mehr als Eintritt in eine andere Welt zu empfinden, die anderen verschlossen bleibt.

Efeublatt im Herbstlicht

Zwei Gedankenstränge prägen mein Denken in diesem Herbst.

Erster Gedanke: Fülle und Mangel – und die Einsicht, dass kein Zyklus dem anderen gleicht (Beobachtungen über die Natur, über das eigene Leben und über die Art, mit Veränderungen umzugehen). Die Beobachtung und das Verständnis, dass es Zeiten gibt, in denen etwas reichlich vorhanden ist (eigene Ideen, Lösungswege etc.), und andere, in denen es sich zurückzieht. Die Natur wiederholt ihre Abläufe, aber sie reproduziert nicht einfach das Vergangene. In diesem Jahr hängen unsere Obstbäume voll mit roten Äpfeln, im nächsten Jahr kann es ganz anders sein. Jeder Herbst trägt eine andere Geschichte in sich, jede Ernte fällt anders aus, jeder Rückzug vollzieht sich unter anderen Voraussetzungen. Auch wir kehren nicht unverändert an vertraute Punkte zurück. Was uns früher getragen hat, muss uns heute nicht in gleicher Weise zur Verfügung stehen. Was einst fehlte, kann inzwischen gewachsen sein. Um es heute an dieser Stelle nicht zu lang werden zu lassen, werde ich das Thema in weitere Blogbeiträge verpacken und unter dem Banner des nun einkehrenden Herbstes weiterverfolgen. Um den Rahmen aber schon mal in Richtung Gottheiten aufzuspannen, und dabei auch ein stückweit den Übergang zum Winter (Skadi) mitzudenken, möchte ich Freyr und die Nornen als zentrale Bezugspunkte wählen und Skadi als winterliche Begleiterin hinzunehmen. Um den ersten Gedankenstrang hier abzurunden, verbindet Freyr die Erfahrung von Fülle, Fruchtbarkeit und dem Dank für das, was geworden ist. Die Nornen führen dabei aber schlussendlich zu der Einsicht, dass die Zeit nicht bloß etwas wiederholt (Stichwort Zyklus), sondern fortwährend neue Bedingungen schafft. Tja, und der Winter ist nicht mehr weit hin; Skadi erinnert daran, dass auch Rückzug, Kargheit und Begrenzung zum Leben gehören.

Wie sich der Eingang ins Heiligtum verändert…

Zweiter Gedanke: Der norwegische Künstler Theodor Kittelsen wurde zum einen durch seine Naturdarstellungen und Illustrationen von Märchen und Sagen bekannt, zum anderen aber auch durch die Aussagekraft seiner Werke. Die Natur ist nicht bloß Landschaft, sondern lebendige Gegenwart und passt gut zum heidnischen Naturverständnis, weil die Natur bei Kittelsen nicht einfach nur eine schöne Kulisse darstellt, sondern als etwas Eigenständiges, Geheimnisvolles und mitunter Unheimliches erscheint. Also im Grunde als eine Welt, die sich dem Menschen nicht vollständig erschließt und ihren eigenen Gesetzen folgt. Zusammen mit den ersten Gedanken über Fülle und Mangel und der Einmaligkeit jedes Zyklus ist wirklich interessant, wie Kittelsen die norwegische Landschaft mitsamt der Vergänglichkeit und den Wesen der nordischen Sagenwelt miteinander verbindet. Was sagt uns das? Der Herbst ist nicht bloß die Jahreszeit des Verfalls und Rückzugs, sondern jene Zeit, in der die sichtbare Welt dünner wird und andere, ja eine vielleicht verborgene Welt zum Vorschein kommt. Ein Wald ist nicht einfach nur ein Wald, nicht nur eine Ansammlung von Bäumen. Und ein Berg ist nicht einfach nur ein Berg, oder ein See nicht nur ein See. Die Natur ist nicht stumm. Sie ist beseelt, geheimnisvoll und voller Wesen, die wir Menschen im normalen Tageslicht kaum wahrnehmen. Überhaupt nehmen die meisten Menschen, die hier zum Beispiel auch nicht lesen werden, ein Bild von Theodor Kittelsen nur als Landschaftsmalerei wahr. Die tieferen Schichten sehen sie nicht. Schon gar nicht in unserer strukturierten und eindeutigen Welt, die gleichzeitig voller Gegensätze steckt. Doch für uns ist das anders; wenn die Tage kürzer werden und das Licht schwindet, wird eine andere Welt sichtbar. Der Wald ist nicht einfach nur ein Wald, nicht nur eine Ansammlung von Bäumen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert