Disen, Alfen und Landwichte (Teil 2) Buch Dänisches Heidentum von Gudmund Schütte

Im zweiten Teil meines Blogbeitrags über die Wesen des Ortes (verborgenes Volk, Disen, Alfen und Landwichte) möchte ich mein Augenmerk auf das Buch „Dänisches Heidentum“ von Gudmund Schütte richten. Im Vergleich zu anderen Büchern zieht Schütte neben den klassischen nordischen Göttern (Odin, Thor, Freyr) die Linie in Richtung lokaler Traditionen und beschreibt folkloristische Vorstellungen. Dadurch wird das Buch für den hier gewählten Fokus besonders interessant.

Einleitend sei noch zu sagen, dass das Buch „Dänisches Heidentum“ (Originaltitel: Dansk Hedenskab), veröffentlicht im Jahr 1923 vom dänischen Philologen und Historiker Gudmund Schütte, ein wichtiges Werk der skandinavischen Religionsgeschichte ist. Aus diesen Gründen wurde es 2006 in Zusammenarbeit mit Kurt Oertel im damaligen Verlag Daniel Junker als Reprint neu aufgelegt. Inzwischen ist es nur noch gebraucht erhältlich. Es versucht, die vorchristliche Glaubenswelt spezifisch aus dänischer Perspektive zu rekonstruieren. Das macht es für das heutige germanisch-nordische Heidentum interessant. Prägnante Kernthemen sind dabei:

1. Fokus auf die regionale Identität

Im Gegensatz zu vielen zeitgenössischen Werken, die das „Germanentum“ oder die altnordische Religion (oft basierend auf isländischen Quellen wie der Edda) als monolithischen Block betrachteten, legte Schütte Wert auf die spezifisch dänischen Eigenheiten. Er untersuchte lokale Traditionen, Ortsnamen und archäologische Funde, um eine eigenständige dänische Entwicklungslinie nachzuweisen.

2. Mythologie und Gottheiten

Schütte analysiert die Verehrung der klassischen nordischen Götter (Odin, Thor, Freyr), legt aber ein besonderes Augenmerk auf Nerthus/Njörd (Verbindung zur Fruchtbarkeit und die berühmte Beschreibung der Erdgöttin bei Tacitus) und Stammväter als mythologische Ursprünge der dänischen Könige (wie die Skjöldunge) und deren göttliche Legitimation.

3. Kontinuität im Volksglauben

Ein zentraler Aspekt des Buches ist die These, dass das Heidentum mit der Christianisierung nicht schlagartig verschwand. Schütte zeigt auf, wie heidnische Rituale und Vorstellungen in Dänischen Volksmärchen, Sagen und bäuerlichen Bräuchen (z. B. Erntedankfesten) überlebten.

4. Methodik

Schütte nutzte einen interdisziplinären Ansatz und kombinierte dabei Philologie (Analyse alter Texte und Runeninschriften) mit der Ortsnamenforschung (Toponymie; schloss von Ortsnamen wie z. B. Orte, die auf -thun oder -vi enden auf ehemalige Kultstätten) sowie mit vergleichender Religionswissenschaft (setzte dänische Befunde in Bezug zu anderen germanischen Stämmen).

Einordnung

Aus heutiger Sicht ist das Werk nicht unreflektiert zu betrachten, da Schütte – wie viele Gelehrte seiner Zeit – eine nationalromantische Färbung in seine Forschung einfließen ließ. Er wollte die kulturelle Tiefe und das Alter der dänischen Nation betonen. Dennoch bleibt es ein wertvolles Dokument für die Erforschung der Folklore und Rezeptionsgeschichte vorchristlicher Religionen. Ehrlicherweise kann man relativierend aber die (rhetorische) Frage stellen, für welches Buch das nicht gälte. Ich kenne nur wenige Bücher, in denen der Zeitgeist keine Färbung hinterlässt. Das war damals so, und das ist heute nicht anders und wird wohl immer so bleiben. Es lassen sich auch heute Bücher über die Nordische Mythologie, Germanen, Runen und Heidentum finden, die man getrost zur Seite legen kann. Dies gilt zum Glück für das Buch Dänisches Heidentum von Gudmund Schütte nicht, denn ganz im Gegenteil kann ich es wärmstens empfehlen. So viel zur Reflexion und Einordnung.

Los geht’s…

Buch Dänisches Heidentum von Gudmund Schütte
Buch Dänisches Heidentum von Gudmund Schütte

Disen und Alfen im Buch Dänisches Heidentum

In Schüttes Buch bilden die Disen und Alfen (oder Alben) das weibliche und männliche Gegenstück einer spirituellen Zwischenwelt. Während die Landvaettir oft an feste Orte gebunden sind, beschreibt Schütte Disen und Alfen eher als personengebundene oder familiäre Schutzmächte, die tief in den Sippenstrukturen verwurzelt waren.

Schütte sieht in den Disen eine kollektive Gruppe weiblicher Wesenheiten, die zwischen Göttern und Menschen stehen. Die Disen wurden dabei oft in der Rolle der Ahnenmütter und Geburtshelferinnen, sozusagen als die verstorbenen Stammmütter einer Familie angesehen, die nun als Schutzgeister über die Nachfahren wachten. Besonders bei Geburten rief man sie an.

Daher ist auch interessant, dass Schütte das Disablót, ein den Disen gewidmetes rituelles Opferfest, im familiären Schutz- und Fruchtbarkeitskontext analysiert. Er weist darauf hin, dass diese Feste im dänischen Raum oft im Winter stattfanden, um Fruchtbarkeit und den Zusammenhalt der Sippe für das kommende Jahr zu sichern.

Darüber hinaus sieht er auch gewisse Verbindungen zu den Walküren, und zieht Parallelen zwischen den Disen und den Walküren, wobei die Disen eher die „häuslichen“ und schicksalsbestimmenden Aspekte (Nornen-ähnlich) verkörpern, während Walküren die kriegerische Seite darstellen.

Diese Facetten – diese Dreiheit – findet sich auch in meinem Artikel über das Disenblót auf Asentr.eu wieder:

  • Göttinnen – Vanadís (Vanengöttin, Freyja), Öndurdís (Schigöttin, Skadi), Anteil an göttlichem Heil
  • Naturwesen –  fruchtbarkeitsspendende Aspekte, Vegetation
  • Ahninnen, Vormütter – Geburtshelferinnen, Schutz einzelner Personen, Familien oder eines gesamten Stammes

Die Alfen

Bei den Alfen unterscheidet Schütte (in Anlehnung an die altnordische Tradition, aber mit Fokus auf dänische Funde) zwischen den Licht- und Dunkelalfen. Während die ersteren als ästhetische, lichtvolle Wesen beschrieben werden, die eng mit dem Sonnengott Freyr verbunden sind, halten sich die Dunkel- oder auch Schwarzalben im Inneren von Felsen und Erdhügeln auf. Schütte interpretiert sie als Geister des Wachstums und der Vegetation.

Beide genossen kultische Verehrung mit Verweis auf das Alfablót, ein privates Opferfest, das im häuslichen Kreis gefeiert wurde. Im Gegensatz zu den großen öffentlichen Götterfesten war dies eine intime Angelegenheit der Familie, was Schüttes These der „privaten Schutzgeister“ stützt. Unter dem Gesichtspunkt der Naturgeister werden die Alfen bei Schütte oft als die „Seelen“ der Naturphänomene gesehen – sie beleben den Wald und die Wiesen. Dazu passt gut der Übergang zur dänischen Folklore, denn ein besonders spannender Teil in Schüttes Buch ist der Nachweis, wie diese Wesen in der dänischen Volksseele weiterlebten: Er beschreibt den Wandel der stolzen Alfen zu den später gefürchteten oder bewunderten Elverfolk (Elfenvolk) in dänischen Balladen. Der „Erlenkönig“ (Elverhøj) ist so ein Beispiel: Schütte zeigt auf, dass die ursprüngliche kultische Verehrung in Ehrfurcht und später in Aberglauben umschlug, wobei die Wesen ihre Ambivalenz (gutmütig, aber gefährlich bei Respektlosigkeit) behielten.

Die Land-Vaettir im Dänischen Heidentum

Gleich mit der Tür ins Haus kann man sagen, dass die Landvaettir (Landgeister) eine zentrale Rolle spielen, da sie die Verbindung zwischen der physischen Landschaft Dänemarks und der spirituellen Welt des Heidentums darstellen. Anders als die „großen“ Götter wie Odin oder Thor, die im fernen Asgard thronen, sind die Landvaettir unmittelbar präsent, in dem sie Hügel, Steine, Quellen und Bäume bewohnen.

Schütte beschreibt die Landvaettir als lokale Schutzmächte. Sie sind eng an ein bestimmtes Territorium gebunden. Für den dänischen Bauern war es entscheidend, in Harmonie mit diesen Wesen zu leben, da sie über das Gedeihen des Viehs und die Fruchtbarkeit der Felder entschieden. Ein wesentlicher Punkt in Schüttes Analyse ist der respektvolle Umgang mit diesen Geistern. Er verweist auf alte Traditionen (und später kodifizierte Gesetze wie das isländische Ulfljots-Gesetz, das er auf dänische Verhältnisse überträgt), die besagten, dass man sich der Küste nicht mit furchteinflößenden Drachenköpfen am Schiff nähern durfte, ohne diese abzunehmen. Man wollte die Landvaettir nicht erschrecken oder erzürnen, da sie sonst das Land verlassen könnten, was Unheil bedeutete. Schütte sieht darin den Ursprung für viele dänische „Hügel-Sagen“ (Højfolk), in denen das Stören von Grabhügeln oder alten Bäumen drakonische Strafen durch die unsichtbaren Bewohner nach sich zieht. (Hier könnte man natürlich einen vorzüglichen Exkurs über den Zerstörungswahn der heutigen Klimaideologie einwerfen, wenn es um die Vernichtung alter Bäume und Waldflächen oder Transformation ganzer Landstriche geht.)

Wenn es um die Verbindung zu den Ahnen geht, so verschwimmen die Grenzen Schüttes Ansicht nach zwischen den Landgeistern und den Ahnengeistern. Er vertritt die Ansicht, dass verstorbene Sippenoberhäupter, die in Grabhügeln (Høje) bestattet wurden, in der Vorstellung der Menschen zu Landvaettir wurden. Sie wachten weiterhin über ihren Besitz und ihre Nachfahren.

Obwohl Schütte sich auf lokale Geister konzentriert, zieht er Parallelen zu den großen Schutzgeistern des Nordens. In der dänischen Überlieferung (und später in der Heraldik und Folklore reflektiert) manifestieren sich diese oft in Tiergestalt: Der Stier, der Riese (oder Bergriese), der Drache und der Greif (oder Adler).  Schütte untersucht, wie diese Motive in dänischen Ortsnamen und frühen künstlerischen Darstellungen (z.B. auf Fibeln) auftauchen.

Eine Dreiheit oder besser drei Aspekte lassen sich auch hier zuordnen:

  • Sozial – Festigung der Bindung des Menschen an seinen Wohnort
  • Religiös, kultisch – Alltagsmagie und Opfergaben (Milch, Speisen) an heiligen Orten
  • Ökologisch – Schutz der natürlichen Ressourcen (Quellen, Wälder)

Schüttes Darstellung der Landvaettir ist besonders wertvoll, weil sie zeigt, dass das dänische Heidentum keine abstrakte Theologie war, sondern eine tief im Boden verwurzelte Alltagspraxis.


Disen, Alfen und Landwichte (Teil 1)

In diesem Beitrag schreibe ich über die Disen, Alfen und Landwichte und schneide einerseits an, in welchem Verhältnis sie zueinander stehen, um andererseits aber auch ihre winterlichen Aspekte in den Vordergrund zu heben. Wichtig ist mir dabei vor allem auch ihr Einflussbereich, der aus meiner Sicht unmittelbar mit dem persönlichen Verständnis zusammenhängt, was sich in der Praxis zum Beispiel durch Opfergaben oder ähnliches ausdrückt.

Da es sich um einen einfach gehaltenen Blogbeitrag mit persönlichen Bildern, sprachlichen Eindrücken und Interpretationen handelt, werde ich auf die vielschichtigen und durchaus komplexen Zusammenhänge nicht tiefer eingehen können. Interessante Einblicke bietet auch das Buch „Dänisches Heidentum“ von Gudmund Schütte, das 2006 in Zusammenarbeit mit Kurt Oertel im damaligen Verlag Daniel Junker als Reprint erschienen ist. Da es meines Wissens inzwischen nicht mehr herausgebracht wird, kann man es nur noch gebraucht in den bekannten Online-Versänden beziehen. Dort scheinen aber noch gute Exemplare erhältlich zu sein. Das etwa 150-seitige Büchlein ist eine Lektüre allemal wert, weil es eben nicht nur speziell um Dänisches Heidentum geht, sondern viele interessante Einblicke in die sogenannte „niedere Mythologie“ und den Volksglauben/die Folklore gibt. Damit sind wir wieder bei den Disen, Alfen und Landwichten angekommen, um die es hier in Teil 1 des Beitrags geht. In Teil 2 gehe ich dann noch mal genauer auf das Buch in Bezug auf die genannten Wesen ein. Viel Freude beim Lesen. Und gerne die Kommentarfunktion unter dem Beitrag nutzen, wenn es Anmerkungen, eigene Details oder Ergänzungen gibt.

Eiszapfen im Winterlicht

Das verborgene Volk

In der nordischen Mythologie und dem Volksglauben sind die Grenzen zwischen den verschiedenen Wesen oft fließend. Es gibt keine ganz klaren Abgrenzungen, wie man es häufig aus moderner Fantasy-Literatur kennt. Stattdessen überschneiden sich die Rollen der Disen, Landwichte und Alfen häufig. Die Disen werden als die ehrwürdigen Ahninnen und weiblichen Schutzmächte gesehen, während die Landwichte an bestimmte Orte gebunden (geschlechtsneutrale Ortsgeister) sind (Felsen, Felder, Landstriche) und das Wohlergehen dieser Orte fördern. Die Alfen (Álfar, eher männlich oder geschlechtsneutral), die sich in Lichtalfen (Ljósálfar) und Schwarzalfen (Dökkálfar oder Svartálfar) unterteilen, haben eine starke Verbindung zur Fruchtbarkeit: Der Gott Freyr ist der Herr von Álfheimr. In der Edda werden sie an einigen Stellen in einem Atemzug mit den Asen genannt. Oft verschmelzen die Begriffe: Ein verstorbener Vorfahre könnte als Alf in seinem Grabhügel weiterleben, dort als Landwicht den Hof schützen und gleichzeitig von den weiblichen Disen der Familie begleitet werden.

Tief verschneiter Winterwald in Mecklenburg-Vorpommern

Nach der Wintersonnenwende hält der tiefe Winter Einzug und die Landschaft verändert sich spürbar. Alles liegt still unter Rauhreif und Nebel, während eisiger Wind über die Felder streicht. Schnee und Eis bedecken Hof und Garten, der Wald steht im Winterkleid.  Es ist die besondere Zeit der Disen, Alfen und Landwichte, für die jetzt eine ruhigere, aber nicht weniger wichtige Zeit beginnt: Mit der Flamme der Wintersonnenwende und dem Julfest wurde das Jahresrad neu entfacht. Während die Natur Kraft sammelt und Nerthus im Innern verweilt, zeigt sich in der klaren Kälte wie eng unser eigener Lebenskreis mit der Umgebung, dem eigenen Hof, Garten und der Landschaft ringsum verbunden ist. Das wirft einen Blick darauf, wie man das Wirken der Wesen erlebt und warum gerade die Wintermonate entscheidend für das werdende Jahr sind.

Die Disen (Dísir)

Die Disen, jene geheimnisvollen weiblichen Wesen, die eng mit dem Schicksal, dem Schutz der Familie und dem Kreislauf von Leben und Tod verbunden sind, wandeln ihre Rolle sobald der Winter hereinbricht von den Segen spendenden Fruchtbarkeitskräften des Sommers zu den Hüterinnen in der Winterzeit. Während draußen die Frostriesen das Land beherrschen, tritt ihr Schutzcharakter hervor; sie wachen über die Schwelle des Hauses und sorgen in Verbindung zu den Ahnen dafür, dass das Licht der Sippe trotz der Kälte stark bleibt. Sie wachen über das Glück einer Familie und werden dafür im sogenannten Dísablót bedacht. Sie schlagen die Brücke zu den Generationen, die vor uns durch den Schnee gingen.

Winterliche Opferstelle

Die Alfen (Álfar)

Die Alfen, die sich in Lichtalfen (Ljósálfar) und Schwarzalfen (Dökkálfar oder Svartálfar) unterteilen, sind im heidnischen Verständnis eng mit der Natur, dem Licht und dem Boden verbunden. Die Vorstellungen gehen in die Richtung, dass die strahlenden Lichtalfen in Alfheim im Bereich des Gottes Freyr leben, während sich die Schwarzalben im Inneren von Felsen und Erdhügeln aufhalten. Interessant ist, dass es genau wie für die Disen auch für die Alfen ein spezielles Opferfest gab, das Álfablót. Es fand gen Herbst oder Winter statt und war deutlich privater und mysteriöser als das familiäre Julfest. Zum Álfablót hatten Fremde keinen Zutritt. Es wird wohl im kleinsten Kreise auf den Höfen stattgefunden haben und wurde von der Hausfrau geleitet. Viel mehr ist kaum bekannt und die Privatheit ist wahrscheinlich auch der Grund, warum darüber nichts weiter dokumentiert ist. Was aber zumindest bekannt ist, dass ihre Kernfunktion im Winter darin liegt die Fruchtbarkeit des Bodens unter dem Frost zu bewahren. Wer sie durch Opfer (meist Met oder Brei) ehrt, sichert sich ihren Segen, damit das Vieh den Winter überlebt und die Saat im Frühjahr wieder aufgeht. Ein weiterer interessanter Aspekt ist übrigens auch, dass manche Alfen ein Teil des Gefolges von Odin auf seiner Wilden Jagd sind. Hier zeigen sie ihre unheimliche Seite: Sie sind nicht mehr die friedlichen Naturgeister, sondern werden zu schemenhaften Reitern, die durch die Sturmnächte fegen. Wer sie draußen trifft, riskiert „elfengetroffen“  (krank oder verwirrt) zu werden. In den heutigen folkloristischen Vorstellungen sind allerdings fast nur noch die guten Seiten hängengeblieben von den kleinen Helfern im Winter (Wichtel, Nisse, Hausgeist), die aber direkt auf die nordischen Alfen zurückgehen: Der Alf wurde zum Tomte oder Nisse, einem kleinen Wesen mit Mütze, das im Stall lebt. Die Schüssel Milchreis, die man heute noch in Skandinavien zu Weihnachten vor die Tür stellt, ist wahrscheinlich ein Überbleibsel des damaligen Álfablót.

Kerzenlicht im tiefen Winter erhellt die Gaben für das kleine Volk

Die Landwichte (Landvættir)

Wer im direkten Umfeld wirkt, das sind die Landwichte – altnordisch Landvættir (Landgeister). In der nordischen Mythologie sind sie die Schutzgeister des Landes, welche an bestimmte Orte beziehungsweise direkt an die physische Landschaft gebunden sind – an Felsen, Flüsse, Berge oder bestimmte Landstriche und das Wohlergehen dieser Orte beeinflussen (Schutzwesen von Feldern, Wäldern und Fluren), indem sie Segen oder Unglück bringen können. Besonders  dieser Aspekt erfordert  eben auch einen respektvollen Umgang. Ihr Verhältnis zu den Alfen ist in Bezug auf die Ortsgebundenheit unscharf. Jedenfalls galt in Island das Gesetz, dass Drachenköpfe an Schiffen vor der Küste abgenommen werden mussten, um die Landwichte nicht zu erschrecken.  Somit verkörpern sie die Kräfte des Bodens und der Natur und stehen in ihrer Bedeutung  für erdverbundene Wesen und Hüter der Landschaft. Auch ihnen werden kleine Gaben dargebracht und Dankesworte ausgesprochen, um Erdung, Heilung, Fruchtbarkeit und Ausgleich auszudrücken – weniger religiös, mehr naturverbunden und symbolisch.

Kleine geschützte Opferstelle

Geweihter Ort

Die Fotos mit den Opfergaben sind vor wenigen Tagen auf unserem Grundstück entstanden, als ein besonders schöner Winterabend war. Wir haben durch unsere ländliche Lage und der entsprechenden Grundstückgröße das Glück, dass sich schon vor vielen Jahren ein Bereich einrichten ließ, den wir als Heiligtum vom übrigen Teil des Gartens und anderer Grungstücksbereiche abgrenzen konnten. Den Eingang bildet ein mit Efeu überwachsener Bogen, unter dem sich eine Pforte befindet. Innen steht ein Steinhügel (Hörgr) umringt von einigen Bäumen. Mir ging es nun darum, die Opfergaben für die Disen, Alfen und Landwichte vor Schneefall und Witterung insoweit zu schützen, dass sie nicht beim nächsten Neuschnee vollständig eingeschneit werden. Daher habe ich mir ein Holzgestell gebaut, das einem kleinen Tisch (oder Stallar) ähnelt. Dieses Holzgestell habe ich neben dem Steinhügel an einer der Eichen aufgestellt und Kerzen, einen Ring und die Opfergaben, die fortlaufend alle Tage erneuert werden, so drapiert, dass ein ästhetisches und würdevolles Gesamtbild entsteht.

Das Holzgestell in der Form eines kleinen Tisches mit Füßen aus Kirschenholz und Brett aus Kiefer von unseren Bäumen

Hier sieht man den erwähnten Eingangsbereich mit Blick auf die Kerzen:

Der Eingang mit Efeu-Rundbogen und Pforte
An der Eiche neben dem Steinhügel im letzten Tageslicht

Um meinen Blogbeitrag an dieser Stelle begrifflich abzuschließen kann man festhalten, dass es im Grunde verschiedene Begriffe für einen Ort gibt, an dem Opfergaben niedergelegt werden. Sei es im Garten, im Haus, in der Wohnung – die Möglichkeiten sind vielfältig.

Hörgr (als Opferhügel) ist der historisch präziseste Begriff für eine kleine, oft private Kultstätte im Freien. Er bezeichnet ursprünglich einen aus Steinen aufgeschichteten Altar oder einen Steinhaufen, der Göttern, Alfen/Elfen (Ljósálfar) oder Ahnen gewidmet ist.

(Weh) ist ein allgemeinerer altgermanischer Begriff für ein „Heiligtum“ oder einen „geweihten Ort“. Im Garten kann damit eine abgegrenzte, heilige Zone bezeichnet werden.

Stallr ist ein altnordische Begriff für einen festen Altarunterbau, auf dem Kultgegenstände oder Gaben platziert werden.

Opferstein / Götterstein kann in der modernen Praxis als Bezeichnung für einen markanten Findling oder eine flache Steinplatte genutzt werden.

Zu guter Letzt lässt sich natürlich auch immer Altar sagen, wobei der Begriff christlich geprägt wirkt, obwohl das Wort durchaus als universelle Bezeichnung für den Ort der rituellen Niederlegung gebräuchlich ist.

Die Tage sind kurz, die Nächte lang – still steht das Jahresrad

Von eisigen Wellen eingefrorene Steine und Weidenäste

Die Tage sind kurz, die Nächte lang, die Natur ruht unter Frost, Dunkelheit und Stille. Der Jahreskreis ist von Wintersonnenwende zu Wintersonnenwende vollständig durchlaufen und hat alle Mond- und Sonnenphasen abgeschritten. Mit dem neuen Vollmond nach den Rauhnächten, dem Wolfsmond am 03.01.2026, beginnt die Zeit der winterlichen Disen und Alfen im neuen Jahreslauf, welche im Dísir- und Álfablót (zum Februar Vollmond) ihren Höhepunkt findet. Es werden Opfergaben an die Dísir und Álfar dargebracht, um die Verbindung zu den schützenden Mächten zu stärken um Wohlstand, Lebenskraft, Gesundheit, Fruchtbarkeit und Schutz für Familie, Haus und Hof zu sichern. Der Name Wolfsmond (für den ersten neuen Vollmond im Jahreskreis) geht wahrscheinlich auf die Beobachtung unserer Vorfahren zurück, dass man gerade in der Zeit um den Januar herum, wenn die Nächte besonders lang und still sind, die Wölfe vermehrt heulen hört.

Der gesamte Winterzeitraum reicht heran, bis die Kämpfe mit dem aufsteigenden Licht beginnen. In den Vorstellungen liegen die beiden Gewalten des Winters und des Sommers in einem fortwährenden Wettstreit: die lichte, fruchtbare Lebenskraft muss den dunklen, alles erstarrenden Winter besiegen. Im Widerstreit aus Frühlingsstürmen, Schnee, Regen und Sonnenschein erwacht Midgard aus dem Winterschlaf. Jetzt fängt das Samenkorn an, aus dem dunklen Grund zu sprießen und sichtbar zu werden. Die Weiden und Hasel blühen und die ersten Frühlingsboten, Schneeglöckchen und Schlüsselblumen, zeigen sich in ihrer zarten Schönheit. Der Frühling gewinnt an Kraft und alles fängt an zu wachsen. Die erwachende Sonnenkraft, die der Erde Leben und Fruchtbarkeit zurückbringt, stellt man sich als junge Frau vor, als wiederkehrende weiße, ja hellstrahlende Göttin: Ostara (Eostra, Austrô) ist jene, die im neuen Jahreskreis erstmals (zur Frühlings-Tagundnachtgleiche) den Frühlingspunkt erreicht.

Aufgehende Wintersonne

Dem Sonnenfest Ostara folgt im Mai-Vollmond das Sigrblót. Es wird als Begrüßung der hellen Jahreshälfte verstanden, so gilt es hoch im Norden mancherorts als Sieg über die winterlichen Frostriesen. Doch genauso steht es im Zusammenhang für den siegreichen Ausgang der eigenen Angelegenheiten, beziehungsweise aller jährlichen Vorhaben (und Auseinandersetzungen). Odin steht als Hauptgott im Mittelpunkt und man muss bedenken, dass er grundsätzlich kein Spaß- oder Freundgott ist, sondern in seinen Wegen undurchsichtig bleibt. Kommt er nächtens gewandert im blauen Gewand, seinen Hut tief ins Gesicht gezogen, in seiner Hand einen verwitterten Wanderstab, so kann das alles sein, doch bestimmt keine freundliche Erscheinung. Doch wenn von Draupnir in jeder neunten Nacht acht gleich schwere Ringe abtropfen, ist dies auch ein unverkennbares Zeichen von Glück und Wohlstand – nur ein kleiner Teil könnte davon für ein heilvolles Gelingen nötig sein. Dann kommt er als Ringgeber oder Sigföðr (Siegvater) daher, die tief erhoffte Wendung bringend. Selbst in verfahrenen oder ausweglos erscheinenden Situationen kann sein Wirken das Ruder in letzter Sekunde herumreißen. Nur eines darf man nicht vergessen: Jede Gabe verlangt Gegengabe – und wie diese einen fernen Tages aussehen mag, weiß nur er.

Der einäugige Wanderer im blauen Gewand, seinen Hut tief ins Gesicht gezogen, in seiner Hand einen verwitterten Wanderstab

Nach dem Sigrblót folgt die Sommersonnenwende; der längste Tag des Jahres und für viele auch der Höhepunkt des germanischen Jahres. Die Dagaz-Rune symbolisiert sehr schön den flüchtigen Charakter des Festes: Die Sonnenwende ist eine Übergangszeit, genauso wie die Dämmerung, die die Nacht vom Tag trennt. Sie ist auch eine Schwelle nach deren Überschreitung die Tage kürzer werden. Drei Runen umreißen das Geschehen: Dagaz steht für die Sonnenwende selbst, Übergangszeit. Das Land (Othala) steht in Blüte / Reife und ist fruchtbar (Fehu). Fehu steht aber auch für eine Polarisation zwischen Werden und Vergehen, auch hier das Symbol des Übergangs. Das Wachstum ist an seinem Höhepunkt angekommen, es herrscht Fülle und Reife.

Die Reifezeit mündet in das Herbstfest, in dem sich der Dank an die Erdmutter (für die Wachstumskraft, die sich in der Ernte manifestiert hat) mit dem Dank an den Himmelsvater (für Sonne und Regen, die die Ernte gedeihen ließen) vereinen. Als Opfergaben eignet sich daher alles, was irgendwie mit der Ernte zusammenhängt. Also klassischerweise Obst und Gemüse vorzugsweise aus eigenem Anbau, Getreide, Nüsse, Kräuter, selbstgebackenes Brot, selbstgebrautes Bier, selbstgegorener Met und vieles mehr. Beim Herbstfest wird vielen Gottheiten gedankt, die alle je in ihrer Weise an der Ernte und dem Wohlergehen der Menschen beteiligt sind. Freyr und Freya für ihre zur Fruchtbarkeit gewordenen Kraft, Frigg, die Haushalt und Mütterlichkeit vereint; Woðan, der Befruchter; Thor, der Beschützer. Ihnen allen wird in einem groß angelegten Blot gedankt. Der Altar sollte festlich geschmückt werden und wie heute noch beim Erntedank üblich, dürfen Früchte nicht fehlen.

Doch mit dem fortschreitenden Herbst ist auch unverkennbar, dass wir uns längst wieder in der dunklen (und auf den Winter zugehenden) Jahreshälfte bewegen. Die Nächte sind schon empfindlich kalt, je nach Lage friert es nachts bereits. Die Bäume verlieren ihre Blätter und mit der ‚dahinwelkenden Natur‘ werden auch die Gedanken der Menschen auf ihre Toten gelenkt. Daher tritt in den Winternächten ein weiterer Aspekt hervor, der in den Sommermonaten, sowie der gesamten hellen Jahreshälfte, weniger im Vordergrund steht – die Ahnenehrung. Das Vergängliche liegt nebelschwer über dem Land und lässt in manchen Momenten die Konturen zwischen den Welten verschwimmen. Diesem Aspekt wird das Winternächteblót im Oktober Vollmond gerecht.

Winterlicht fällt auf den gefrorenen See

Und mit den Winternächten ist der letzte Schritt getan, denn es naht die Julzeit mit der die Sonne ihren tiefsten Stand im Jahreslauf erreicht. Und in dieser dunkelsten Zeit bildet die Wintersonnenwende den Wendepunkt. Ab da werden die Tage wieder länger und die Sonne wird bald an „Kraft“ gewinnen, um das Leben, das wie tot in der Erde ruht, neu entstehen zu lassen. Mit der Wintersonnenwende beginnt das Rad sich wieder zu drehen. Zunächst kaum merklich, doch unaufhaltsam.

Das ewige Jahresrad

Das Licht kehrt zurück. Wie ein ewiges Rad schreitet Jahreskreis um Jahreskreis durch Neubeginn, Aufblühen, Emporstreben, Fülle, Loslassen, Ende und Wiederkehr… es lässt sich so vieles darin verstehen und erkennen. Wenn das Jahresrad stillsteht, öffnet sich ein heiliger Moment jenseits von Zeit und Eile. Wer ihn bewusst begeht, tritt in Verbindung mit alten Wegen und zeitlosen Wahrheiten. Und wenn das Rad sich wieder dreht, gehen wir nicht einfach weiter wie zuvor – sondern ein wenig verwandelt, mit dem Wissen um den ewigen Kreislauf, der uns trägt. Stille ist kein leeres Nichts. In ihr kann Altes verabschiedet werden, während Neues noch ungeboren im Verborgenen ruht. Wer still wird, kann hören, was das vergangene Jahr gelehrt hat – und was kommen will.

Jera Rune im vereisten Stallfenster

Die Rune Jera hat im Jahreskreis eine besondere Bedeutung, weil sie den natürlichen Rhythmus von Zeit, Wachstum und Ernte verkörpert. Ihr Name bedeutet wörtlich Jahr oder Erntejahr. Jera ist die Rune, welche die Phasen Saat/Aussaat (Absichten werden gesetzt) → Wachstum (Pflege, Arbeit, Durchhaltevermögen) → Ernte (Ergebnisse zeigen sich) → Ruhe/Rückzug (Ruhe, Reflexion, Vorbereitung) miteinander verbindet. Sie ist keine Rune für schnelle Wünsche, sondern für nachhaltige Entwicklung. Im Gegensatz zu plötzlichen Ereignissen wirkt Jera langsam, aber unausweichlich. So unausweichlich wie das Schicksal selbst…

Mir kam dieser Gedanke vor kurzem in den Sinn, als ich über den gefrorenen Boden in den Stall ging, um nach den Hühnern zu sehen. Der Stall war still, nur das leise Scharren der Hühner im Stroh und ihr gedämpftes Gackern füllten den Raum. Die Kälte hing noch zwischen den Holzbalken, während die Tiere dicht beieinander saßen, warm, wachsam, lebendig. Ich ging langsam an ihnen vorbei, blieb kurz stehen, beobachtete das ruhige, selbstverständliche Tun, mit dem sie dem Winter trotzten. Am kleinen Fenster hatte der Frost über Nacht eine feste Eisschicht gezogen. Ich legte den Finger darauf. Die Kälte biss, zog sofort durch die Haut. Langsam begann ich, die Rune in das Eis zu zeichnen. Nicht hastig, nicht fest, sondern mit ruhigem Druck. Linie um Linie entstand unter meinem Finger, weiß und klar gegen das gefrorene Glas. Ein Zeichen für den Lauf der Dinge, für das Jahr, das sich schließt und neu beginnt.

Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern einen besinnlichen Jahreswechsel und viel Glück, Gesundheit, Kraft und Mut im neuen Jahreskreis.

Jahreskreisfeste 2026
Disenblót = 01.02.2026 (Februar Vollmond)
Ostara = 20.03.2026 (Frühlings-Tagundnachtgleiche)
Sigrblót = 01.05.2026 (Mai Vollmond)
Mittsommerblót = 21.06.2025 (Sommersonnenwende)
Herbstblót = 23.09.2026 (Herbst-Tagundnachtgleiche)
Winternächteblót = 26.10.2026 (Oktober Vollmond)
Julblót = 21.12.2026 (Wintersonnenwende)

Zwischen Dunkel und neuem Licht

Die Mistel zur Wintersonnenwende

Zur Wintersonnenwende, leis und sacht,
hängt die Mistel in sternklarer Nacht.

Zwischen Dunkel und neuem Licht
flüstert sie Hoffnung, die niemals bricht.

Ihr grünes Antlitz im winterlichen Geäst,
hält selbst im Stillstand am Leben fest.

Wo Tage am kürzesten, Schatten so schwer,
gibt sie Gewissheit von Wiederkehr.

Nicht aus Wurzel, nicht aus Erd’ geboren,
doch war ihr Schicksal längst erkoren.
Ein leiser Zweig, unscheinbar und klein,
doch webte er Tod und Erinnerung hinein.
So mahnt die Mistel, im Mythenlicht:
Was sanft erscheint, ist harmlos oft nicht.

Zur Wintersonnenwende, wenn die Nacht tiefsten Atem hält,
kehrt das Licht leis‘ zurück in die Welt.
Der längste Schatten verliert seine Macht,
denn selbst im Dunkel wächst neue Kraft.

Was schwindet, vergeht nicht für immer,
es wandelt sich, wartet…

… steigt leis‘ neu auf im Schimmer.