Im zweiten Teil meines Blogbeitrags über die Wesen des Ortes (verborgenes Volk, Disen, Alfen und Landwichte) möchte ich mein Augenmerk auf das Buch „Dänisches Heidentum“ von Gudmund Schütte richten. Im Vergleich zu anderen Büchern zieht Schütte neben den klassischen nordischen Göttern (Odin, Thor, Freyr) die Linie in Richtung lokaler Traditionen und beschreibt folkloristische Vorstellungen. Dadurch wird das Buch für den hier gewählten Fokus besonders interessant.
Einleitend sei noch zu sagen, dass das Buch „Dänisches Heidentum“ (Originaltitel: Dansk Hedenskab), veröffentlicht im Jahr 1923 vom dänischen Philologen und Historiker Gudmund Schütte, ein wichtiges Werk der skandinavischen Religionsgeschichte ist. Aus diesen Gründen wurde es 2006 in Zusammenarbeit mit Kurt Oertel im damaligen Verlag Daniel Junker als Reprint neu aufgelegt. Inzwischen ist es nur noch gebraucht erhältlich. Es versucht, die vorchristliche Glaubenswelt spezifisch aus dänischer Perspektive zu rekonstruieren. Das macht es für das heutige germanisch-nordische Heidentum interessant. Prägnante Kernthemen sind dabei:
1. Fokus auf die regionale Identität
Im Gegensatz zu vielen zeitgenössischen Werken, die das „Germanentum“ oder die altnordische Religion (oft basierend auf isländischen Quellen wie der Edda) als monolithischen Block betrachteten, legte Schütte Wert auf die spezifisch dänischen Eigenheiten. Er untersuchte lokale Traditionen, Ortsnamen und archäologische Funde, um eine eigenständige dänische Entwicklungslinie nachzuweisen.
2. Mythologie und Gottheiten
Schütte analysiert die Verehrung der klassischen nordischen Götter (Odin, Thor, Freyr), legt aber ein besonderes Augenmerk auf Nerthus/Njörd (Verbindung zur Fruchtbarkeit und die berühmte Beschreibung der Erdgöttin bei Tacitus) und Stammväter als mythologische Ursprünge der dänischen Könige (wie die Skjöldunge) und deren göttliche Legitimation.
3. Kontinuität im Volksglauben
Ein zentraler Aspekt des Buches ist die These, dass das Heidentum mit der Christianisierung nicht schlagartig verschwand. Schütte zeigt auf, wie heidnische Rituale und Vorstellungen in Dänischen Volksmärchen, Sagen und bäuerlichen Bräuchen (z. B. Erntedankfesten) überlebten.
4. Methodik
Schütte nutzte einen interdisziplinären Ansatz und kombinierte dabei Philologie (Analyse alter Texte und Runeninschriften) mit der Ortsnamenforschung (Toponymie; schloss von Ortsnamen wie z. B. Orte, die auf -thun oder -vi enden auf ehemalige Kultstätten) sowie mit vergleichender Religionswissenschaft (setzte dänische Befunde in Bezug zu anderen germanischen Stämmen).
Einordnung
Aus heutiger Sicht ist das Werk nicht unreflektiert zu betrachten, da Schütte – wie viele Gelehrte seiner Zeit – eine nationalromantische Färbung in seine Forschung einfließen ließ. Er wollte die kulturelle Tiefe und das Alter der dänischen Nation betonen. Dennoch bleibt es ein wertvolles Dokument für die Erforschung der Folklore und Rezeptionsgeschichte vorchristlicher Religionen. Ehrlicherweise kann man relativierend aber die (rhetorische) Frage stellen, für welches Buch das nicht gälte. Ich kenne nur wenige Bücher, in denen der Zeitgeist keine Färbung hinterlässt. Das war damals so, und das ist heute nicht anders und wird wohl immer so bleiben. Es lassen sich auch heute Bücher über die Nordische Mythologie, Germanen, Runen und Heidentum finden, die man getrost zur Seite legen kann. Dies gilt zum Glück für das Buch Dänisches Heidentum von Gudmund Schütte nicht, denn ganz im Gegenteil kann ich es wärmstens empfehlen. So viel zur Reflexion und Einordnung.
Los geht’s…

Disen und Alfen im Buch Dänisches Heidentum
In Schüttes Buch bilden die Disen und Alfen (oder Alben) das weibliche und männliche Gegenstück einer spirituellen Zwischenwelt. Während die Landvaettir oft an feste Orte gebunden sind, beschreibt Schütte Disen und Alfen eher als personengebundene oder familiäre Schutzmächte, die tief in den Sippenstrukturen verwurzelt waren.
Schütte sieht in den Disen eine kollektive Gruppe weiblicher Wesenheiten, die zwischen Göttern und Menschen stehen. Die Disen wurden dabei oft in der Rolle der Ahnenmütter und Geburtshelferinnen, sozusagen als die verstorbenen Stammmütter einer Familie angesehen, die nun als Schutzgeister über die Nachfahren wachten. Besonders bei Geburten rief man sie an.
Daher ist auch interessant, dass Schütte das Disablót, ein den Disen gewidmetes rituelles Opferfest, im familiären Schutz- und Fruchtbarkeitskontext analysiert. Er weist darauf hin, dass diese Feste im dänischen Raum oft im Winter stattfanden, um Fruchtbarkeit und den Zusammenhalt der Sippe für das kommende Jahr zu sichern.
Darüber hinaus sieht er auch gewisse Verbindungen zu den Walküren, und zieht Parallelen zwischen den Disen und den Walküren, wobei die Disen eher die „häuslichen“ und schicksalsbestimmenden Aspekte (Nornen-ähnlich) verkörpern, während Walküren die kriegerische Seite darstellen.
Diese Facetten – diese Dreiheit – findet sich auch in meinem Artikel über das Disenblót auf Asentr.eu wieder:
- Göttinnen – Vanadís (Vanengöttin, Freyja), Öndurdís (Schigöttin, Skadi), Anteil an göttlichem Heil
- Naturwesen – fruchtbarkeitsspendende Aspekte, Vegetation
- Ahninnen, Vormütter – Geburtshelferinnen, Schutz einzelner Personen, Familien oder eines gesamten Stammes
Die Alfen
Bei den Alfen unterscheidet Schütte (in Anlehnung an die altnordische Tradition, aber mit Fokus auf dänische Funde) zwischen den Licht- und Dunkelalfen. Während die ersteren als ästhetische, lichtvolle Wesen beschrieben werden, die eng mit dem Sonnengott Freyr verbunden sind, halten sich die Dunkel- oder auch Schwarzalben im Inneren von Felsen und Erdhügeln auf. Schütte interpretiert sie als Geister des Wachstums und der Vegetation.
Beide genossen kultische Verehrung mit Verweis auf das Alfablót, ein privates Opferfest, das im häuslichen Kreis gefeiert wurde. Im Gegensatz zu den großen öffentlichen Götterfesten war dies eine intime Angelegenheit der Familie, was Schüttes These der „privaten Schutzgeister“ stützt. Unter dem Gesichtspunkt der Naturgeister werden die Alfen bei Schütte oft als die „Seelen“ der Naturphänomene gesehen – sie beleben den Wald und die Wiesen. Dazu passt gut der Übergang zur dänischen Folklore, denn ein besonders spannender Teil in Schüttes Buch ist der Nachweis, wie diese Wesen in der dänischen Volksseele weiterlebten: Er beschreibt den Wandel der stolzen Alfen zu den später gefürchteten oder bewunderten Elverfolk (Elfenvolk) in dänischen Balladen. Der „Erlenkönig“ (Elverhøj) ist so ein Beispiel: Schütte zeigt auf, dass die ursprüngliche kultische Verehrung in Ehrfurcht und später in Aberglauben umschlug, wobei die Wesen ihre Ambivalenz (gutmütig, aber gefährlich bei Respektlosigkeit) behielten.
Die Land-Vaettir im Dänischen Heidentum
Gleich mit der Tür ins Haus kann man sagen, dass die Landvaettir (Landgeister) eine zentrale Rolle spielen, da sie die Verbindung zwischen der physischen Landschaft Dänemarks und der spirituellen Welt des Heidentums darstellen. Anders als die „großen“ Götter wie Odin oder Thor, die im fernen Asgard thronen, sind die Landvaettir unmittelbar präsent, in dem sie Hügel, Steine, Quellen und Bäume bewohnen.
Schütte beschreibt die Landvaettir als lokale Schutzmächte. Sie sind eng an ein bestimmtes Territorium gebunden. Für den dänischen Bauern war es entscheidend, in Harmonie mit diesen Wesen zu leben, da sie über das Gedeihen des Viehs und die Fruchtbarkeit der Felder entschieden. Ein wesentlicher Punkt in Schüttes Analyse ist der respektvolle Umgang mit diesen Geistern. Er verweist auf alte Traditionen (und später kodifizierte Gesetze wie das isländische Ulfljots-Gesetz, das er auf dänische Verhältnisse überträgt), die besagten, dass man sich der Küste nicht mit furchteinflößenden Drachenköpfen am Schiff nähern durfte, ohne diese abzunehmen. Man wollte die Landvaettir nicht erschrecken oder erzürnen, da sie sonst das Land verlassen könnten, was Unheil bedeutete. Schütte sieht darin den Ursprung für viele dänische „Hügel-Sagen“ (Højfolk), in denen das Stören von Grabhügeln oder alten Bäumen drakonische Strafen durch die unsichtbaren Bewohner nach sich zieht. (Hier könnte man natürlich einen vorzüglichen Exkurs über den Zerstörungswahn der heutigen Klimaideologie einwerfen, wenn es um die Vernichtung alter Bäume und Waldflächen oder Transformation ganzer Landstriche geht.)
Wenn es um die Verbindung zu den Ahnen geht, so verschwimmen die Grenzen Schüttes Ansicht nach zwischen den Landgeistern und den Ahnengeistern. Er vertritt die Ansicht, dass verstorbene Sippenoberhäupter, die in Grabhügeln (Høje) bestattet wurden, in der Vorstellung der Menschen zu Landvaettir wurden. Sie wachten weiterhin über ihren Besitz und ihre Nachfahren.
Obwohl Schütte sich auf lokale Geister konzentriert, zieht er Parallelen zu den großen Schutzgeistern des Nordens. In der dänischen Überlieferung (und später in der Heraldik und Folklore reflektiert) manifestieren sich diese oft in Tiergestalt: Der Stier, der Riese (oder Bergriese), der Drache und der Greif (oder Adler). Schütte untersucht, wie diese Motive in dänischen Ortsnamen und frühen künstlerischen Darstellungen (z.B. auf Fibeln) auftauchen.
Eine Dreiheit oder besser drei Aspekte lassen sich auch hier zuordnen:
- Sozial – Festigung der Bindung des Menschen an seinen Wohnort
- Religiös, kultisch – Alltagsmagie und Opfergaben (Milch, Speisen) an heiligen Orten
- Ökologisch – Schutz der natürlichen Ressourcen (Quellen, Wälder)
Schüttes Darstellung der Landvaettir ist besonders wertvoll, weil sie zeigt, dass das dänische Heidentum keine abstrakte Theologie war, sondern eine tief im Boden verwurzelte Alltagspraxis.


















