Wächterspruch an einer heiligen Stätte

Bevor man einen heidnischen Kraftplatz, einen Steinkreis oder eine andere geweihte Stätte betritt, galt die Schwelle vielerorts als besonderer Übergang zwischen der alltäglichen und der heiligen Welt. Manche Überlieferungen berichten davon, dass Besucher an diesem Punkt einen kurzen Gruß, eine Bitte um Erlaubnis oder einen Wächter-Spruch sprachen. Damit wurde den Göttern, Kräften des Ortes, den Ahnen oder den unsichtbaren Hütern Respekt erwiesen und zugleich die eigene Absicht für den Besuch bekundet.

Räucherschale zwischen Efeu am Eingang zum Heiligtum

Mit dem Überschreiten der Schwelle ist die Vorstellung verbunden, dass es sich dabei um den  bewussten Übergang in einen heiligen Raum handelt und drei Dinge im Mittelpunkt stehen: Die Ehrerbietung gegenüber den Göttern, die Achtung vor den Ahnen und der Ausdruck von Gastfreundschaft gegenüber den Wesen des Ortes.

Efeu Torbogen am Eingang des Heiligtums (von innen gesehen)

Die heilige Stätte auf unserem Hof wird beispielsweise durch ein mit Efeu umwachsenen Torbogen betreten, unter dem sich eine Schwelle aus Steinen befindet, die in die Erde eingelassen sind. Vor dem Tor steht eine Räucherschale. Dieser Schwellenbereich hat auch eine Wächterfunktion, der dazu dient, vor dem Betreten kurz innezuhalten, sich zu prüfen und darzulegen, dass man reinen Sinnes ist. Das wird zum Beispiel auch noch unterstrichen durch das Aufsagen eines Wächterspruches. Damit ist ein Spruch gemeint, den man beim Betreten eines geweihten Ortes sprechen kann, auch verbunden mit einem kleinen Trankopfer oder etwas ähnlichem.

Verschiedene Varianten sind denkbar. Hier sind drei Beispiele:

Wächter der Schwelle, höre mein Wort. 

Mit klarem Sinn und aufrichtigem Herzen trete ich an diesen heiligen Ort. Ich lasse Hader, Trug und Unfrieden hinter mir. Ehre den Göttern, Achtung den Ahnen, Frieden den Landgeistern, die hier wohnen.

Wie der Wanderer die Halle betritt, so trete ich über diese Schwelle:
achtsam im Wort, standhaft in der Tat, treu gegenüber meinem Eid.

Mögen die Mächte des Himmels und der Erde mein Kommen sehen.
Mögen die Hüter dieses Heiligtums mein Anliegen prüfen.

Nur in Wahrheit will ich eintreten.
Nur in Ehre will ich verweilen.

So spreche ich.
So sei es.
Wächter der Schwelle, höre mein Wort.

Vor der Pforte steh' ich nun, bedenke Wort und Werke. Kein Schritt sei leicht getan, wo heilige Mächte walten. Kein Wort sei achtlos gesprochen, wo Ahnen lauschen.

Die Schwelle ehre ich, den Ort ehre ich, die Mächte ehre ich. Ehre den Göttern, Achtung den Ahnen, Frieden den Landgeistern, die hier wohnen.
Wächter der Schwelle, höre mein Wort.

An Tor und Schwelle
steht der Wanderer still;
lange prüfe der Mensch
Herz vor dem Schritte.

Worte wäge wohl,
ehe sie fliegen;
mancher fand Leid,
wo Schweigen genügte.

Götter grüße ich,
die Gabe des Lebens;
Ahnen grüße ich,
die Wege uns wiesen.

Land und Baum,
Quelle und Stein,
Wächter des Ortes,
euch erweise ich Ehr'.

Reinen Sinn bringe ich,
nicht Ruhm noch Prahlen.
Unter Frieden trete ich ein,
unter Frieden verweile ich.

Wer hat ähnliche Erfahrungen gemacht? Nutzt du auch bestimmte Worte vor dem Betreten einer heiligen Stätte oder eines besonderen Ortes, und wenn ja, welche sind das? Schreib es gerne in die Kommentare.

Jugendleite

14 Jahre ist es nun her, als unsere Tochter das Licht Midgards erblickte. Jahr für Jahr entzündeten wir zu ihrem Geburtstag ein weiteres Licht auf ihrem Geburtstagsring. Nun schließt sich der Ring mit 14 Lichtern und vollendet den Kreis, der zugleich einen Wendepunkt darstellt: Es ist der Übergang von der Kindheit zum Erwachsenwerden. 

Die Vollendung zeigt den Übergang von der Kindheit in die neue Lebensphase  der Selbstverwirklichung und des Erwachens… eine Zeit neuer Eindrücke, neuer Erfahrungen, neuer Impulse, aber auch neuer Rechte und Pflichten…  In der heidnischen Jugendleite geht es nicht nur um das Erreichen eines bestimmten Alters, sondern vielmehr um die innere Reife und das Erkennen der eigenen Verantwortung.

Gerade in diesem Übergangsalter suchen junge Menschen nach ihrem Platz in der Welt. Wichtig ist dabei das Eingebundensein in die Familie, doch zugleich die Freiheit zu haben, etwas Neues zu entdecken – jedoch auch immer zu wissen, wohin man wieder zurückkehren kann.

„Nur wer weiß, woher er kommt, weiß, wohin er geht“  (Theodor Heuss, erster Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland)

Doch woher kommen wir?

Nach der nordischen Schöpfungsgeschichte, die in der altnordischen Vǫluspá – der Weissagung der Seherin, steht, wurden die ersten Menschen Ask und Embla aus zwei am Strand gefundenen Baumstämmen geformt. Drei Götter Odin, Vili (Hönir)und Vé (Lodur) gaben ihnen die Bestandteile dessen, was wir „Seele“ nennen:

Odin gab den Önd (den Lebensatem / Geist)
Hönir gab den Óðr (den Verstand, die Inspiration und das Bewusstsein)
Lodur gab Blut und die äußere Gestalt

Von da an verzweigt es sich weiter in den Teil der eigenen Persönlichkeit und Gedanken (Hugr), in einen weiteren Teil der vor der eigenen Geburt liegt und von den Ahnen stammt (Fylgia) und einen fortan als sogenanntes Folgewesen begleitet und zuletzt das eigene Glück und die Kraft (Hamingja), die innerhalb der Familie weitergegeben wird.

Die Hamingja ist das Familienglück: Ein schöner Gedanke aus der Mythologie ist, dass die Kraft und das Glück der Vorfahren wie ein unsichtbarer Mantel an die nächste Generation weitergegeben werden.

Somit ist die Frage „Woher wir kommen“ eng mit der Ahnenlinie  verknüpft. Wir kommen aus dem dem Schicksal unserer Vorfahren. Die Seele trägt die Taten und das Glück der Ahnen in sich.

Das Ich im Wir

Du bist ein Individuum mit eigener Ehre und eigenem Weg, aber du bist eingebettet in ein Geflecht, das dich trägt. Im Heidentum bist du kein Tropfen, der im Meer verloren geht. Du bist ein lebendiger Zweig an einem Baum. Du entspringst den Göttern, der Natur und vor allem deiner Ahnenreihe.  
Durch die Verbindung zu den Elementen der Natur, zu den Göttern und zu den eigenen inneren Kräften lernen die Jugendlichen, ihren Platz in der Welt zu finden und die Weisheit vergangener Generationen weiterzutragen.

„Die Quelle des Urd ist nicht länger ein dunkles Tief, in das wir starren, sondern ein lebender Strom, der fruchtbar durch die Länder des Nordens fließt.“ (Johan Sebastian Welhaven, norwegischer Dichter)

Das Bild des Baumes

Wenn man sich einen großen Baum vorstellt, vielleicht sogar den Weltenbaum Yggdrasil… so sei wie ein junger Zweig:

Unten die Wurzeln: Sie kommen von den Eltern, den Großeltern und allen Ahnen davor. Das ist das Fundament, das Halt gibt.

Oben die Krone: Sie streckt sich in den Himmel, in die eigene Zukunft, in die Unabhängigkeit.

Die Botschaft: Man kann nur dann hoch wachsen und Stürmen trotzen, wenn die Wurzeln tief und gesund sind. Die Jugendleite ist der Moment, in dem man erkennt: Ich stehe zwar auf eigenen Füßen, aber ich stehe nicht allein.

Die Blätter mögen im Wind tanzen und in alle Richtungen streben, doch sind es die Wurzeln, die den Stamm und die Äste tragen. Es sind die Wurzeln, die dem Baum sagen wie er den Sturm übersteht.

Nichts von dem, was unsere Ahnen geliebt und erlitten haben, ist verloren. Es fließt als Wissen im Gedächtnis der eigenen Wurzeln. Wir stehen heute hier, weil sie standhaft waren. Daher gönne dir Flügel wie Freyjas Falkengewand, um die Welt zu entdecken, aber bewahre dir das Gedächtnis deiner Wurzeln, um immer zu wissen wo dein Zuhause ist.

Welche Erfahrungen habt ihr gemacht? Schreibt es gern in die Kommentare.

Verweise zu den thematischen Einzelseiten auf Asentr.eu

www.asentr.eu Kindsweihe

www.asentr.eu Jugendleite

Geburtstagsring

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Frühlingsimpressionen

Die bunten Farben des Frühlings

Ostara, Hüterin des Frühlings,
Licht der aufgehenden Sonne,
Kraft der erwachenden Erde,
Möge das Leben wieder wachsen.

Hörgr aus Steinen mit Efeu im Morgenlicht
Blóthorn im Heiligtum
Sonne und Eis: Eine Scheibe aus Eis aus der Hühnertränke im Außengehege. Trotz der ersten warmen Sonnenstrahlen ist der Nachtfrost noch ein ständiger Begleiter.
Abendliches Ostarablótfeuer

Der Winter vergeht und die Frühlingsbotin erwacht

Der Winter vergeht, die Frühlingsbotin erwacht: Willkommen, Ostara! Spüre den Wind auf deiner Haut und atme die frische, nach Erde duftende Luft tief ein.

Willkommen Ostara
Morgendlicher Blick ins Heiligtum – willkommen zurück, Ostara!

Ein besonderer Moment im Jahr, den wir gerade erleben. Wenn ich morgens aus dem Fenster schaue, merke ich gleich: Das Licht hat sich verändert. Die Tage sind spürbar länger, die ersten Vögel singen wieder und an geschützten Stellen im Garten trauen sich die ersten Schneeglöckchen und Krokusse aus der noch kühlen Erde. Der Winter mit seiner Stille, seinem Rückzug und seiner Kälte, verabschiedet sich langsam. Und mit ihm können wir uns auf eine der kraftvollsten Zeiten im Jahreskreis vorbereiten: Ostara ist da!

Willkommen Ostara
Ostara erhebt sich aus dem Morgennebel – ein phantastischer Moment!

Ostara ist das Fest der Frühlingstagundnachtgleiche, an dem Tag und Nacht exakt gleich lang sind – ein vollkommenes Gleichgewicht, bevor das Licht endgültig über die Dunkelheit siegt. Ostara wird als die Frühlingsbotin gefeiert, denn sie ist die junge Göttin des Neubeginns, der Fruchtbarkeit und der aufgehenden Sonne. Wenn wir Ostara willkommen heißen, feiern wir nicht nur das Ergrünen der Natur, sondern auch das Erwachen unseres eigenen inneren Feuers. Denn auch wenn wir heute in einer modernen, technisierten Welt leben, ist unsere Verbindung zu den Zyklen der Natur tief in uns verwurzelt. Ostara ist die Zeit des Aufbruchs.

Ich überlege jetzt schon, was ich im dunklen Winter geplant habe und was nun endlich wachsen darf. Dafür muss ich Altes loslassen, was nicht immer leicht fällt. Ich könnte vieles aufzählen, was mich belastet und was lieber heut als morgen beendet werden muss. Es ist eines der Grundprinzipien des Lebens, alle Aufgaben aktiv anzugehen und nichts liegen zu lassen, oder Unangenehmes womöglich zu verdrängen. Obschon beides natürlich auch nur allzu menschlich ist, denn keiner kann alles auf ein Mal bewältigen. Was aber hilft ist genau diese Zeit. Alles was sich schwer anfühlt oder nicht mehr richtig passt, muss jetzt weichen. Der Winter war zum Ausruhen da. Nun ist es Zeit, die Fenster zu öffnen – und zwar nicht nur im Haus, sondern auch im eigenen Kopf und Herzen! Alles wird lebendig!

Willkommen Ostara
Es sind jene Zeitpunkte, die den Jahreskreis so besonders machen…

Es ist die für das Säen und Pflanzen: Ob im eigenen Garten oder auf dem Balkon. Setze die Samen in die Erde als Symbol für das, was wir ernten wollen. Dankbarkeit für das Wiedererwachen der Natur zu empfinden, erdet uns. Ich bin gespannt auf eure Gedanken. Lass es mich gerne in den Kommentaren wissen!

Öffnet den Geist – das Wiedererwachen erdet uns. Spüre den Wind auf deiner Haut und atme die frische, nach Erde duftende Luft tief ein.

Willkommen, Ostara!